Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1929)
- Article
- Der Sohn
- Date
- 1929-05-01
- Page
- Seite 262 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2912821-2912891-2912896-2923592--07809-2923731- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
262 MENORAH sich und zeigte auf Jesus Christus, der sie ruhig betrachtete, „der da will töten Jehovah, unseren Gott, zerreißen unser Gesetz, zerstören unseren Tempel. Er hat aufgehetzt das Volk, zu erschlagen unsere Priester und dich, großmächtiger Herr Statthalter, und den allergroßmächtigsten Majestätskaiser in Rom! Und dem da", sie spie aus, „willst du schenken das Leben, und meinen Sohn willst du, willst du — -—<l Schluchzend war sie wieder in die Knie gesunken. „Barabbasl" raste das Volk, „Barabbas, Barabbas!" Beklommen schwieg Pilatus, seine Züge waren schlaff geworden. Sein Diplomatensinn sagte ihm, daß die Begnadigung des einheimischen Jesus Barabbas keine unangenehmen Folgen zeitigen werde* während die Freigebung dieses landfremden Jesus Christus, angesichts der flehenden Mutter des Anderen, ihn seine Karriere kosten könnte, die durch die vorangegangenen Beschwerden wider ihn ohnedies arg belastet war. Und, wie Hilfe suchend, richtete er seinen Blick von dem knienden Weib hin zu dem seltsamen Mann, den er richten sollte. Jesus schaute in die Ferne. Er sah die Flur seiner Kindheit, mit blühenden Reben und Feigen geschmückt, nach denen er lachend langte, vom Arm seiner Mutter umschlossen. Wo aber war nun seine Mutter? Seit er ihr Haus verlassen hatte, um die Wege zu wandeln, die des Vaters Stimme ihm wies, war er ihr nur einmal begegnet, bei einer Hochzeit, wo sie, mit der göttlichen Begabung des Sohnes vor dem Volke sich zu brüsten, seine Wunderkraft voreilig herausforderte. Doch wo blieb sie nun? Die ihn empfangen hatte von Gott, ahnte sie nicht die Gefahr, die ihrem Kinde drohte in der Stadt, die Gott verriet? Die ihn empfangen hatte von Gott, warum war sie nicht gekommen, ihn zu schützen in seiner qualvollen Bedrängnis? Die auserkoren war von Gott unter allen Müttern der Welt, warum stieg nicht s i e diese Stufen hinan, ihren Sohn zu erlösen aus Menschenhänden, so wie dieses niedere Weib im sumpffarbenen Kleide hier heraufgekeucht war, den Machthaber der Erde anzuflehen um Rettung ihres Sohnes? Mutter, Mutter, warum hast du mich verlassen?! Da begegnete er dem Blick des Pilatus. Und es öffneten sich die Lippen, die so lange verschlossen geblieben waren, und Christus sprach zu dem Landpfleger, auf das schluchzende Weib zu dessen Füßen weisend: „Mater dolorosa." Nur Pilatus vernahm es. Das Weib verstand es nicht, die Kriegsknechte starrten stumpf in die schwüle Luft, die Menge lauerte stumm auf die Entscheidung des Landpflegers. Nur Pilatus vernahm es. Betroffen ließ er die Olive fallen und staunte weitgeöffneten Auges den