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Menorah · 1929-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1929) · p. Seite 261

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
7 (1929)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1929)
Article
Der Sohn
Date
1929-05-01
Page
Seite 261 (sequence 23)
Language
German
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DER SOHN 261 diesen da nicht ausliefern. Schon fauchte das tausendmalige Tier dort unten, da straffte ein Entschluß die Züge des Landpflegers. „Der hier mag schuldig sein oder nicht — ich gebe ihn euch zum Osterfeste frei!" Das ist kein Fauchen mehr, kein Brüllen, kein Schrei — der Laut, der diesen Worten folgte, hat seinesgleichen nicht. Wie Tigerstimmen aus Pantherkehlen, wie Pantherröcheln aus vampyrischer Brust, so dringt's herauf, und der Blick des Schakals, dem die Beute entging, hat den Schimmer der Versöhnung, gemessen an dem entzündeten Wutblick dieser scheinbar menschlichen Geschöpfe. Aber schon heben sich aus der formlosen Lautmasse die Elemente eines Wortes, eines Namens, scharf, schrill, drommetenartig anschwellend. Noch hat Pilatus nicht vernommen, was gemeint ist, da stößt es in sein Ohr, ruckweise, ein zweimaliges „Ba", ein dumpfgrollendes ,,r" — und ,,Ba-rab-bas!t4 tönt es, „Barabbas!" ,,Den Barabbas gib uns frei ■— nicht diesen dort — den Barabbas .. . Barabbas . . " Und aus der Menge, von ihr geschoben und vorwärtsgedrängt, löst sich ein Weib, keucht die Stufen empor und fällt dem Landpfleger zu Füßen. ,,Großmächtiger Statthalter, um Gotteswillen, gib frei meinen Sohn! Was er hat getan, hat er getan, weil er ist betrunken gewesen von dem Wein, den er hat getrunken bei mir in meinem Wirtshaus. Er war ein gutes Kind, ein braves Kind, aber ich hab' ein Wirtshaus, wo hinkommen viele schlechte Leut — was soll ich machen? — und ich hab' mich nicht können kümmern um ihn. Er ist ein Tunichtgut geworden, ich weiß, er ist ein Raufbold geworden, ich weiß, aber er hat nie gehabt einen Vater, ich bin immer gewesen ein armes Weib — laß ihn nicht sterben, großmächtiger Statthalter, schenk ihm das Leben, großmächtiger Herr Statthalter von Rom!44 Pilatus hatte eine in Essig gebeizte Olive hervorgezogen, die er stets bei sich trug, um sich gegen unangenehme Gerüche schützen zu können, und hielt sie an seine Nase. Wahrlich, ihm ging es übel und er bemeisterte kaum seinen Ärger. ,Nicht genug an dieser ganzen Statthaltermisere/ dachte er, ,nicht genug an diesem heiklen Fall Christus, schicken mir nun die Götter, um mich — wofür?! — zu strafen, auch noch diese jüdische Mutter daher!4 „Dein Sohn hat einen Menschen getötet!44 sagte er barsch. „Ich weiß, ich weiß,44 schluchzte das Weib, „ich weiß, aber er hat es getan nicht allein — waren ja noch andere dabei „Er hat es allein getan.44 „Er ist ja gewesen nicht bei Verstand! Aber der da,44 sie erhob

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