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Menorah · 1929-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1929) · p. Seite 260

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
7 (1929)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1929)
Article
Der Sohn
Date
1929-05-01
Page
Seite 260 (sequence 22)
Language
German
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260 MENORAH rechts von der Säulenfront aufgemauert war, und rief den jäh Verstummten zu: „Ich finde keine Schuld an ihm!" Als hätte ein Wurfspieß dieses ganze Volk mitten in die Brust getroffen, so brach jetzt, einem Blutbogen gleich, kochend ein Schrei aus ihm. Pilatus blieb ruhig. Er hatte die Antworten dieses Jesus Christus auf einer Wachstafel festhalten lassen und dann sein Siegelringzeichen daraufgedrückt. Dort stand eingegraben, daß der Beschuldigte auf die Frage, ob er sich den König der Juden nenne, erwidert habe: „Du sagst es". Und auf die weitere Frage, mit welchem Rechte er diesen Titel führe: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darob kämpfen, und dann stünde ich nicht hier." Klar also, daß der zarte Mann dort drinnen in dem teppich-« und pölstergeschmückten Raum, mitten unter brennenden Farben das einzige Weiß, ein harmlos verirrter Schwärmer war. Aber nun schleuderten die Eiferer dem Statthalter neue Klagen gegen ihr Opfer hinauf. Er habe sich nicht nur Gottes Sohn genannt — ihrem Glauben ein Faustschlag ins Gesicht! — er habe auch — Staats¬ und Hochverrat! — das Volk aufgerufen, dem Kaiser den Zins zu verweigern. „Kaiserlicher Statthalter, hast du's gehört?" schrie Kaiphas. Und: „Hast du's gehört, kaiserlicher Statthalter?!" sekundierte ihm Annas. „Dem Kaiser den Zins verweigern! Kaiserlicher Statthalter, hast du's gehört?!" kreischten die Schriftgelehrten, und einer von ihnen hätte in der Blindheit seines Zornes fast einen Fuß auf die unterste Stufe des unreinen Hauses gesetzt, wäre er nicht von seinem Vetter rasch noch zurückgerissen worden. Pilatus erschrak vor diesem Appell an sein Staatsamt. Zinsverweigerung — solche Beschuldigung durfte er nicht leicht nehmen. Er ließ den Angeklagten holen zu neuerlichem Verhör. „Ist es wahr, daß du gepredigt hast wider den Kaiserzins?" Jesus Christus schwieg. „Ich frage dich, ob es wahr ist, daß du dich nicht nur den Sohn des Judengottes nennst, sondern auch gepredigt hast wider den Kaiserzins?" Jesus Christus schwieg. Ein drittes Mal fragte Pilatus. Doch Jesus Christus schwieg. Der Sekretär fuhr ihn an, die Kriegsknechte schlugen an die Waffen. Pilatus aber wehrte ihnen. Er fühlte, daß hier kein Verstockter schwieg. Das war ein wehendes Schweigen, ein stummes Rauschen von oben her. Schweigend erhob sich nun auch Pilatus und erwog. Er mußte diese Rasenden zu seinen Füßen beruhigen — aber er wollte ihnen

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