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Menorah · 1929-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1929) · p. Seite 258

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
7 (1929)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1929)
Article
Der Sohn
Date
1929-05-01
Page
Seite 258 (sequence 20)
Language
German
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258 MENORAH der für den zum Räuber und Mörder gewordenen Säufer und Tagedieb eine Begnadigung erwirken konnte. Doch wo hätte sie, Besitzerin einer übelbeleumundeten Vorstadtschenke, einflußreiche Bekanntschaften hernehmen sollen! Sie kannte höchstens diesen oder jenen Polizeigewaltigen, aber wahrlich, es empfahl sich nicht, ihn daran zu erinnern. So strich sie planlos in den engen, krummen Gassen des Bezirkes umher, und je mehr das Dunkel von den Häusern wich, um so düsterer ward ihr zumute, und je festlicher es nach ungesäuertem Brote roch, um so qualvoller bedrückte sie ihre Ohnmacht. Sich ermannend strebte sie aus der Vorstadt hinaus, gelangte ins Viertel der Schriftgelehrten und schließlich auch zu des Hohepriesters Haus, dem sie, obwohl einst Abwaschfrau im Tempel, in weitem Bogen auszuweichen pflegte, weil sie es in ihrem Wirtshaus mit den Speisegesetzen nicht allzu genau nahm. Doch diesmal drängten sich die Menschen hin, die aus allen Gassen herbeiströmten und in einer Menge mündeten, die sich vor dem Haus des Hohepriesters gestaut hatte. Diese setzte sich jetzt in Bewegung, und bald erfuhr die Schankwirtin, daß man daran sei, einen niederträchtigen Verbrecher, einen räudigen Galiläer, einen gewissen Jesus, der sich Christus nenne und sich vermessen habe, dem geweihten Hohepriester des Herrn ins Gesicht zu sagen, daß er den Tempel zerstören werde, vor den Statthalter zu schleppen, damit dieser ihn kreuzigen lasse. „Kreuziget ihn, kreuziget ihn!" durchschnitt es schrill die Morgenluft und die Wirtin stimmte gröhlend ein und begann zu wehklagen, daß gegen ein solches Scheusal ihr Jesus ein weißes Osterlamm sei, und doch habe der Statthalter ihn zum Tode verurteilt, obwohl er nur einen Menschen getötet habe und dies im Streit, in der Trunkenheit und wahrscheinlich nicht einmal allein. Man wurde aufmerksam, einige fragten, was es gebe, und sahen sich nach dem Weibe um — aber da hatte man auch schon den freien Platz vor dem Statt - hallerpalast erreicht, auf dessen Terrasse, zehn Stufen zwischen sich und dem Volke, Pilatus stand. Pilatus unterschied in der aufgeregten Menge einzelne Wesen zunächst nicht, sondern sah bloß einen tobenden Haufen vor sich, aus dem allerdings ausgestreckte Arme mit gekrümmten Zeigefingern, wie Hakenstöcke, gegen einen Knäuel hinwiesen, der sich jetzt langsam löste und einen jungen Mann in Fesseln sichtbar werden ließ, den Bewaffnete die Stufen hinaufstießen. Pilatus, dem auf den ersten Blick der Gefesselte weniger staatsgefährlich schien als seine Ankläger, rief hinunter, warum sie denn eigentlich diesen Mann zu ihm gebracht hätten. Da antworteten der Alt-Hohepriester Annas und dessen

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