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Menorah · 1929-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1929) · p. Seite 257

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
7 (1929)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1929)
Article
Der Sohn
Date
1929-05-01
Page
Seite 257 (sequence 19)
Language
German
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DER SOHN 257 Wanderredners zu begehren, der sich der Verkündigung von Irrlehren und hochverräterischer Umtriebe schuldig gemacht habe. Halb unwillig, halb gelangweilt ließ Pilatus sich wieder in den Stuhl zurücksinken, aus dem er sich soeben erhoben hatte. Welcher Umtriebe denn, welcher Irrlehren?! Das wisse er nicht, erwiderte der Hauptmann, er gebe nur weiter, wTas ein gerade abgelöster Wachposten ihm gemeldet habe. Der Landpfleger entließ den Offizier und wandte sich an den Sekretär. ,,Da seht ihr's wieder! Ob auch nur ein einziger meiner Kollegen in einer Provinz solche Ungelegenheiten hat wie ich! Nicht genug an allen möglichen verwaltungstechnischen Schwierigkeiten, häufen sich auch noch endlos diese Unannehmlichkeiten religiöser Natur. Bald Auflauf, weil ein Römer dem Vorhof des Tempels zu nahe gekommen ist, bald Aufruhr, wreil eine Legion die Bilder unseres göttlichen Cäsars nicht von den Feldzeichen genommen hat, bald Zusammenrottung wegen irgend eines Wanderlehrers!" Es werde, bemerkte bescheiden der Sekretär, wohl jener Wunderrabbi sein, der alle Formvorschriften verwerfe, sich rühme, Tote durch die bloße Gläubigkeit seines Herzens zum Leben erwecken zu können, und schon einmal Ärgernis erregt habe, als er die Tische der Wechsler im Tempel umstieß. Ach, erwiderte Pilatus und erhob sich, es werde wohl irgend ein Schwärmer oder Narr sein, nicht der erste und nicht der letzte auf diesem heißen Boden. Was aber die Vorschriften und Satzungen der Juden betreffe, so sei er, Pilatus, gewiß bemüht gewiesen, sie zu verstehen, wie er die Religion und Philosophie schon manches Volkes mit Erfolg studiert habe, aber er kenne sich nicht aus, er kenne sich nicht aus.. Und da das Brausen und die Schreie unheimlich sich näherten, sog er die Toga fester zusammen, straffte seine nur allzu ebenmäßigen Züge und trat, während der Sekretär beflissen den Vorhang lüftete, hinaus ins Freie. Die Mutter des zum Tode Verurteilten Jesus Barabbas hatte bereits in der Dunkelheit des frühen Morgens ihre Schenke verlassen, von dem verzweifelten Wunsch getrieben, eine Begnadigung ihres Sohnes ins Werk zu setzen. Ein derbes Weib, vierschrötig, mit stets gerötetem Gesicht unter grauem Haar, gewohnt, Eseltreibern, Fuhrleuten, betrunkenen Dirnen und ähnlichen Gästen fluchend und schimpfend zu begegnen, hatte sie die ganze Naöht Gott, die Welt und sich selbst verflucht, daß es mit ihrem Sohne so weit kommen konnte. Aber jetzt war's zu spät, und es galt, an irgendeinen Einflußreichen zu gelangen,

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