Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1929-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1929) · p. Seite 256

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
7 (1929)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1929)
Article
Der Sohn
Date
1929-05-01
Page
Seite 256 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2912821-2912891-2912896-2923592--07803-2923725
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

256 MENORAH Er ließ mich allein. Und in dem Studierzimmer des alten Priesters und Lehrers, angesichts der Werke der Kirchenväter, die in Pergamentbänden weihevoll die hohen Wände bedeckten, vertiefte ich mich, bemüht ruhig zu bleiben, in des Verschollenen Schrift. MATER DOLOROSA Pontius Pilatus, der römische Landpfleger von Judäa, ließ sich sofort nach Betreten seines Arbeitsraumes den Wasserleitungsakt reichen, der eine sehr ärgerliche Angelegenheit betraf. Um sich nämlich in diesem glühenden, erdtrockenen und überhaupt von den Göttern verlassenen Lande wenigstens die gewohnte Bequemlichkeit eines täglichen Morgenbades leisten zu können, hatte er eine kunstreiche Wasserleitung gebaut und zur Deckung der Kosten den Tempelsohatz der Juden ausgiebig herangezogen, was diese zu einer ebenso wehklagenden wie scharfsinnigen Beschwerde an den Kaiser bewog. Aus Rom war nun die Aufforderung eingetroffen, der Landpfleger möge auch seinerseits eine Darstellung des Falles geben. Verstimmt wendete Pilatus die Blätter des Aktes hin und her und gab ihn schließlich dem Sekretär mit dem Auftrage zurück, ihm die Sache demnächst wieder einmal vorzulegen. Er fühle sich heute nicht frisch, denn das so schwer erkämpfte Morgenbad habe die sonstige Erquickung vermissen lassen, vielmehr eine trübe, rötliche Färbung und eine merkwürdige lau warme Schwerflüssigkeit gezeigt. Der Sekretär verneigte sich, übernahm den Akt, reichte aber dafür seinem Vorgesetzten rasch ein einzelnes Blatt, indem er entschuldigend bemerkte, hier sei bloß eine Unterschrift erforderlich. Pilatus warf einen Blick darauf und sah, daß es eine Exekutionsanweisung war, die dem zum Tode verurteilten Jesus Barabbas betraf, den Sohn einer Schankwirtin, der, des Mordes und Straßenraubes schuldig befunden, heute gegen Abend hingerichtet werden sollte. Der Landpfleger unterschrieb und beschloß dann, einen Ritt in das Kidrontal zu machen, um ein wenig frische Luft zu schöpfen, solange diese noch nicht von Glut erfüllt war und vom Geruch der für das bevorstehende Osterfest geschächteten Lämmer. Da vernahm er ein fernes, von schrillen Rufen durchzucktes Brausen, und in demselben Augenblick wurde einer der Vorhänge zwischen den mächtigen der Straße zugekehrten Säulen beiseite geschoben, und ein Hauptmann der Leibwache erschien mit der Meldung, das Volk wälze sich heran, unter Führung der Priester, um vom Landpfleger die Bestrafung seiner heute nacht gefangengenommenen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.