Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1929)
- Article
- Der Sohn
- Date
- 1929-05-01
- Page
- Seite 255 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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DER SOHN 255 zeigt ihm, rasch das Heft aufblätternd, daß der Titel des Ganzen und der Anfangsbuchstabe eines jeden Absatzes in Goldfarbe ausgeführt waren ähnlich den Initialen auf den Mönchsmanuskripten des Mittelalters, nur weniger kunstvoll. „Ich habe also mehr für meine Heldin getan, Hoch würden, als diese alle", sagte er und streifte uns mit einer Geste. Dann lächelte er. Ich hatte ihn nie zuvor lächeln gesehen. Der Festgottesdienst fand in der Anstaltskirchc statt; sie konnte die gedrängte Menge der Schüler eben noch fassen. Pater Laurentin hielt eine schlichte Predigt, die unsere Herzen suchte und fand. Seine Art der Kanzelrede ist mir Vorbild geworden und geblieben. Als er am Ende schilderte, wie die selbst in Unschuld Empfangene den von Gott Empfangenen rückerstatten mußte an Gott, unter unmenschlichen Qualen, von Menschen zugefügt, da wölbte sich vor uns der ewige Bogen von Maria Empfängnis zu ihrer Drangsal am Kreuz des Sohnes, und der schmerzerfüllte Blick des Priesters senkte sich in unsere aufschauenden Augen. Er hatlfe geschlossen, und die Orgel setzte ein. Ich suchte Gabriel. Aber ich sah ihn nicht und mußte mich auch beim Verlassen der Kirche ohne ihn bescheiden. Den Nachmittag verbrachte ich mit meinem Vater, der mich besucht hatte, um den freien Tag mit mir zu feiern. Am nächsten Morgen erhob ich mich noch in der Dunkelheit und begann bei meiner kleinen Lampe mich für die Schule vorzubereiten. Da ging die Türglocke, und als ich öffnete, stand Frau Gabriel vor mir, mit verzweifelten Blicken in den überwachten Augen: ihr Sohn, der gestern morgens vor der Marienfeier das Haus verlassen hatte, war seither nicht zurückgekehrt! Ich vervollständigte klopfenden Herzens meine Kleidung, und wir eilten im trüben Schein der Gaslaternen in die Schule, um den Beginn des Unterrichtes abzuwarten. Gabriel kam nicht. Der Direktor, die Lehrer, die Mitschüler erschöpften sich in Mutmaßungen, die Anzeige bei der Behörde wurde erstattet. Aber der Tag verging, und Gabriel kam nicht. Ich verbrachte die Nacht bei seiner trostlosen Mutter. Doch als ich auf seinem Lager, erfüllt von den traurigsten Gedanken an ihn, mich hin und her warf, bemächtigte sich meiner jählings eine Ahnung. Nach Anbruch des ungeduldig erwarteten Morgens lief ich zu Pater Laurentin und bat ihn, mich des Freundes letzte Arbeit lesen zu lassen, da ich befürchte, daß sein Verschwinden mit deren Inhalt zusammenhänge. „Das befürchte ich auch." Er reichte mir das Heft. „Ich hab' es in der Nacht gelesen. Gabriel hat schwer gesündigt. Lesen nun auch Sie. Ich dispensiere Sie für heute vom Religionsunterricht."