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Menorah · 1929-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1929) · p. Seite 254

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
7 (1929)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1929)
Article
Der Sohn
Date
1929-05-01
Page
Seite 254 (sequence 16)
Language
German
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254 MENORAH denn ich konnte nicht einig mit mir werden, welchem Abschnitt aus dem Leben der Gebenedeiten meine Arbeit am wenigsten Schande bereiten würde. Ich dachte an die Flucht nach Ägypten, an die Geburt des Heilands und an noch manches andere. Aber ich konnte mich zu nichts entschließen und hätte mich gerne mit Gabriel beraten. Als er auch am folgenden Tage nicht kam, besuchte ich ihn. Er war zu Bett und fieberte, wenn auch nicht hoch. Urn die Stirn geschlungen trug er ein feuchtes Tuch, was ihm ein stark orientalisches Aussehen verlieh. Seine Mutter erschien, wechselte den Umschlag und meinte, die seit kurzem herrschende nasse Witterung habe die Krankheit verursacht. Dann beschwor sie mich, Gabriel zu veranlassen, daß er aufhöre, zu schreiben. Denn er hatte die Bibel vor sich liegen und schrieb hastig auf einem darüber gebreiteten Bogen Papier, wie jüngst im Kreuzgang. Miein Besuch schien ihm wenig willkommen, so daß ich ihn bald verließ. Zwei Tage später kehrte er, recht angegriffen aussehend, in die Schule zurück und erzählte mir, seine Arbeit sei bereits vollendet, sie harre nur noch der Reinschrift. Ich bat ihn, mir beizustehen, die Höhe der Aufgabe mache mich schwindeln. Doch er schlug mir dies ab, da er vollauf beschäftigt sei, den durch seine Krankheit versäumten Lehrstoff nachzuholen. Wirklich entsprach er am Tage vor dem Feste gerade in seinem schwächsten Gegenstand, der Mathematik, den Anforderungen wie noch nie. Mariä Empfängnisfand unser Gymnasium alljährlich blumengeschmückt. Je ein Kranz weißer Rosen, kostbarer Treibhausschmuck, umgab das mir vertraute Muttergottesbild im Kreuzgang und jenes Bildnis der Madonna in der Vorhalle, das auf die seltsam kahlen Schädel der griechischen Weisen so gütig niederschaute. Unsere Klasse erwartete den Religionslehrer. Jeder hatte die Blätter seiner Marienhuldigung, goldgerändert, wie es Sitte war, vor sich auf dem Pult liegen. Gabriels Arbeit war sichtlich die umfangreichste. Die meinige füllte nur ein einziges Blatt: ich hatte mein Unvermögen, in hoch emporgeschwungenen Worten den Thron der Gottesmutter zu erreichen, offen bekannt, und dieses Bekenntnis war meine Huldigung. Man hatte Belohnungen für die zehn besten Arbeiten ausgesetzt, und ich habe es wohl der Milde unseres Lehrers zu danken, daß ich eine davon erhielt: des Matthias Grünewald Bildnis der Maria vom Isenheimer Altar, das, während ich diese Zeilen schreibe, mir zu Häupten hängt. Pater Laurentin nahm die Arbeiten in Empfang und rügte, daß Gabriel nicht goldgerändertes Papier verwendet habe. Aber dieser

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