Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1929)
- Article
- Der Sohn
- Date
- 1929-05-01
- Page
- Seite 253 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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DER SOHN 253 sitzen pflegte, bei geschlossenen Fensterläden, denn die Polizeistunde war längst vorüber, und meine Mutter mußte es wohl dulden. Ich erkannte ihn sofort wieder. Ich hatte ihn ja mitunter gesehen, wenn ich mich aus dem Bett durchs Schankzimmer vors Tor schlich, um nach den Sternen zu sehen." Wir waren auf dem Gipfel angelangt und wandten uns zum Abstieg. Gabriel packte mich am Arm. „Weißt du, wie das Kainszeichen beschaffen gewesen sein muß?" Er schnitt ein schiefes Kreuz in die Luft. „So. Und weißt du, wer Kains Nachfolger war? Ahasverus. Und weißt du, wer des Ahasverus Nachfolger ist?" Ich schüttelte den Kopf. „Ich. Weil ich aber nur zur Hälfte von dem verfluchten Volk abstamme, ist der halbe Fluch von mir genommen, vom ganzen Ahasverus ist nur noch der Verus übrig: zwischen Wahrheit und Wahrheit hin und her gehetzt, muß ich sie aussprechen immer und überall und trotz allen Gegengewalten, mag es mich auch zugrunde richten — das ist mein Fluch!" „Wahrheit ist Segen, nicht Fluch", erwiderte ich, um ihn zu beruhigen, obwohl ich ja nur zu gut wußte, wie er es meinte. So kam der Dezember heran und Maria Empfängnis nahte, für unsere Schule das höchste Fest. Das Mariengymnasium mag den Brauch einer besonders feierlichen Marienhuldigung von der vorjosefinischen Zeit übernommen haben, da es noch ein Kloster gewesen war. Lehrer und Schüler dieser Bildungsstätte verehrten jedenfalls von altersher in der Himmelskönigin ihren besonderen Schutzengel, ihre Oberhirtin, ihre mütterliche Führerin zu Gott. Den Schülern der obersten beidenKlassen wurde daher für diesen Tag alljährlich aufgetragen, einem selbstgewählten Abschnitt aus dem Leben Mariä eine schriftliche Darstellung zu widmen, der Erhabenen zum Preise und zur Verherrlichung. Diese Aufgabe, zu deren Ausarbeitung Pater Laurentin, unser Religionslehrer, uns eine Woche Zeit gewährte, war keine leichte für mich. Denn der Jubelchor der Sprache ist mir versagt, wie man aus diesen Mitteilungen ersehen haben wird, und mir bangte, zu Ehren der Höchsten und Lieblichsten in dürftigen Worten und vielleicht gar unbeholfenen Sätzen auszusprechen, was unaussprechlich mir das Herz bewegte. Um so willkommener mußte diese Aufgabe den dithyrambischen Fähigkeiten meines Freundes sein. Am nächsten Tage saß er denn auch schon im Kreuzgang auf einem Pfeilervorsprung und bedeckte, das letzte Licht des Tages nützend, mit hastigen Schriftzügen ein über seine Bibel gebreitetes Blatt Papier. Ich entfernte mich ungesehen. Tags darauf fehlte er in der Schule. Ich hatte schlecht geschlafen,