Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1929)
- Article
- Der Sohn
- Date
- 1929-05-01
- Page
- Seite 252 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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252 MENORAH heilige Schein des Spätherbstes kränzte für Stunden noch die entlaubten Wipfel. Fühlbar schwang Gabriels Seele in größerem Gleichmaß. Von den Vorgängen der jüngsten Zeit war nicht mehr die Rede. Wir arbeiteten oft zusammen in meinem kleinen Zimmer. Der Lehrende war meist er, nur in der Mathematik bedurfte er meiner Hilfe. Ich liebte diese sternenklare Wissenschaft, aber sein schweifender Geist fühlte sich durch ihre unerbittliche Strenge beengt. Übrigens vertrug er sich auch mit dieser Disziplin besser als früher. Wandelten wir gemeinsam im Kreuzgang, dann sprachen wir viel über die Evangelien. Er wies mir genau die Abweichungen und Widersprüche zwischen den vier Leidensgeschichten Christi, besonders den drei sogenannten Synoptikern einerseits und dem Johannes. „Das Rätsel der Freigebung des Barabbas beginnt sich mir zu lösen", äußerte er einmal. Dann blieb er vor dem Muttergottesbild stehen, das von schon verblühenden Herbstblumen umrahmt war, und sagte: „Dieser übertriebene Madonnenkult wird mir immer unsympathischer." Ich erschrak, bedachte aber sofort, daß er ebensosehr fähig war, vor der Himmelskönigin in die Knie zu sinken. In der Tat fand ich ihn am nächsten Tage, zur gleichen Stunde, als inbrünstigen Beter. Bald darauf begegneten wir des Abends, mitten in der Stadt, der Baronin Espen. Sie trug tiefe Trauer nach einem nahen Verwandten; aus ihrem noch zarter gewordenen Antlitz, aus ihrem müden Schreiten sprach die Bürde des Schmerzes. Gabriel schaute ihr lange nach. ,,Ja, sie sieht aus wie eine Heilige — wer aber die wahre Heilige ist, das wissen wir besser, nicht wahr, Franz? Und ich werde es beweisen." Seine regelmäßigen Zusammenkünfte mit dem Gefangenenaufseher w7ährten fort. Eines Nachmittags, Novembertrübnis spann sich nun ernstlich übers Land, stieg ich mit Gabriel den Kalvarienberg hinan, der, am Rande der Stadt gelegen, ein Denkmal für den Kreuzesweg Christi war. Andächtig blieben wir vor jedem Marterbild stehen und vertieften uns in den Anblick dieses ewig unausdenkbaren Duldens. Vor der Tafel, die Christi dritten Zusammenbruch unter der Kreuzeslast darstellte, berührte Gabriel plötzlich meine Schulter, so daß ich aus meiner Versunkenheit erwachte. „Franz, gestern war ich bei den Sträflingen." Ich schwieg beklommen und erwartete eine Schilderung seiner Eindrücke. Er aber sagte nur finster: ,,In einem dieser Höllenkäfigbewohner habe ich einen Gast meiner Mutter wiedererkannt -— ja? ja — bestimmt! Er hat einen Raub begangen .. und war gewiß auch damals schon bescholten, wie er noch in der Schankstube zu