Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1929)
- Article
- Der Sohn
- Date
- 1929-05-01
- Page
- Seite 251 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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DER SOHN 251 Mutter bedeutet hat, dorthin zu gehen, das kannst du nicht wissen, Franz. Du wirst ja gemerkt haben, daß sie Sprachfehler macht." Er war rot geworden und schwieg wieder. Hastig setzte er dann ein: „Ich hab' es ihr daher immer ersparen wollen. Ja, sie hat keine Zeit gehabt, ordentlich zu lernen. Immer hat sie sich schinden und rackern müssen in diesem widerlichen Geschäft! Von früher Jugend an Umgang mit den Leuten, die hierher kommen — na, du kannst dir denken, was für Leute das sind!" „Kinder Gottes, wie du und ich", sagte ich lächelnd, um seiner Erregung zu steuern. ,,Wenigstens sollten du und ich nichts anderes in ihnen sehen." „Ja, Kinder Gottes, versteht sich, — aber wahrlich nicht seine geratensten. Mittag geht's meist noch, da kommen eben kleine Leute, aber in der Nacht... Es brennt ja kaum eine ordentliche Laterne in dieser krummen Gasse. Und die Reichsstraße ist nah\ Glaub' mir, Franz, es gibt lichtscheues Gesindel hier. Und wenn auch einmal ein Höherer gekommen ist, dann . . " Er war aufgesprungen und stieß hervor: ..dann weiß Gott, ob es ein Höherer war!" Er wandte sich ab, das Weiterreden schien ihm schwer zu werden. Langsam kehrte er mir wieder sein Antlitz zu. „Wer ich bin, weißt du — hast es wohl gehört?" Zögernd nickte ich. „Aber ich schwöre dir: ich werde diesen Schandfleck tilgen! In ein Ehrenzeichen will ich ihn verwandeln!" Er riß das Kruzifix von der Wand und hielt es hoch empor. „Der Priester söhn wird des Sohnes Priester sein, und Fürsten werden seiner Mutter die Hände küssen. Nein, nein," verbesserte er sich rasch und ließ das Kreuz sinken, „dessen bedarf es nicht, aber die Himmelsleiter werde ich sie emporführen — mit mir!" Da hörten wir trippelnde Schritte, rasch hängte Gabriel das Kruzifix zurück, und seine Mutter trat ein. Am nächsten Tage leistete er Abbitte, in einer bewunderungswürdigen Form, die sich mir tief eingeprägt hat. Er trat vor die Klasse und sagte zu unserem Lehrer: „Ich habe mir in der letzten Stunde eine Widersetzlichkeit zuschulden kommen lassen, die ich sehr bedauere. Zu meiner Entschuldigung mag dienen, daß ich es für nicht unchristlich hielt, die Worte Christi denen eines Heiden entgegenzusetzen. Ich war im Unrecht. Denn dieses Heiden Freund, den wir lieben dürfen, bat mit Recht gesagt: ,Gehorsam ist des Christen Schmuck/ Ich bitte den hochwürdigen Herrn um Vergebung." Pater Winkler reichte ihm die Hand. Das alles geschah gegen Ende Oktober. Der November, sonst keines Menschen Freude, ließ sich diesmal recht freundlich an; der