Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1929)
- Article
- Der Sohn
- Date
- 1929-05-01
- Page
- Seite 247 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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DER SOHN 247 und sie erfaßte sofort, daß edne neue Widersetzlichkeit vorlag. „Man wird ihn ausstoßen, nicht wahr? Gott im Himmel, was er mir antut, was er mir antut!" Ich beruhigte die Weinende und sagte ihr, daß ich nichts Bestimmtes wüßte; aber schwerste Bestrafung sei allerding zu befürchten, und da vielleicht in diesem Augenblick bereits das Lehrerkollegium darüber berate, wäre es das Beste, wenn sie sich sofort zum Direktor begebe, um Fürbitte einzulegen. „Natürlich — sofort, sofort — mein Gott, mein Gott..." Sie eilte in die Küche, um Anordnungen zu trefTen, warf dann die Schürze ab, nahm Mantel und Hut. Noch immer weinend machte sie sich mit mir auf den Weg. „Ich hätf sollen öfter zu die hochwürdigen Herren Professoren gehen, freilich — aber er hat mich ja nie gelassen, er ist ja so eigen Tröstend erwiderte ich, daß er dafür der Begabteste von uns sei. Da erstrahlte ihr Auge durch den Schleier von Tränen, und während ihr diese noch die Wangen herabliefen, lächelte sie, w7as ihrem Antlitz einen ungeahnten Reiz verlieh, eine Verjüngung, eine Verklärung. „Ja sehen Sie, das ist er, das ist er — begabt! Schon als kleines Kind — ich hab' ihn ja müssen allein aufziehen — hat er alle möglichen Gedichte auswendig können, weiß Gott woher, und kaum hat er lesen gelernt, da hat er sich gestellt im Gastzimmer drinnen auf einen Sessel und hat angefangen zu predigen vor alle Gäste — die haben gelacht — aber einmal hat mir einer gesagt, einer von der Zeitung: ,Frau Gabriel,4 sagt er, ,aus dem wird was, so wahr aus mir nix geworden ist." Ja, begabt ist er, der Richard, und ich möcht', er soll was Ordentliches studieren, aber Sie wissen ja, wTas er sich in den Kopf gesetzt hat . .. Mein Gott, die hochwürdigen Herren Professoren sehen doch: um ihn wär' jammer-schad' — sie werden doch nicht, sie werden ihn doch nicht---dann weiß ich nicht, was ich machen soll — die Schande überlebt er mir nicht — er ist ja so stolz." Sie begann wieder zu weinen. Wir waren beim Gymnasium angelangt, und ich führte sie in die Direktion. Die Lehrerkonferenz war in der Tat bereits zusammengetreten, und sie zu stören, schien nicht ohne Kühnheit. Aber es war höchste Zeit. Denn bis in den Vorraum, den wir betreten hatten, hörte man die erregte Stimme Pater Winklers, die besänftigende des Direktors und dazwischen andere; auch der Name meines Freundes klang auf. Rasch öffnete ich die Tür zum Konferenzsaal, und Frau Gabriel trat vor das Schulgericht, dessen Mitglieder verstummten. Ich selbst war