Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1929)
- Article
- Der Sohn
- Date
- 1929-05-01
- Page
- Seite 248 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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248 M E N O R A II draußen geblieben und hörte nur abgerissene Sätze der Wehklage von Gabriels Mutter und die gedämpfte Stimme unseres Direktors. Da wurde die Gangtür aufgerissen und mein Freund stürzte herein, barhaupt, wie er sich stets trug; feucht klebten die Haare an seinen Schläfen. Er schrak bei meinem Anblick zusammen. „Du?! ■— Wie kommst du--?" Aber noch bevor ich antworten konnte, hörte er das laute Schluchzen nebenan. „Jesus Maria — was ist das?!" Er streifte mich mit einem zitternden Blick. „Du hast sie —?1" Ich nickte. Im nächsten Augenblick riß er die Saaltür auf und stand neben seiner Mutter. Er hatte die Tür ollen gelassen und ich vernahm nun, wie Frau Gabriel alle Schuld auf sich wälzte und um Gnade für ihr Kind bat: wegen ihres mühseligen Erwerbes habe sie sich um die Erziehung niemals so kümmern können, wie es anderen Müttern vergönnt sei. Ich habe noch ihren Tonfall im Ohr. „Und er hat ja immer gehabt nur mich!" Da lehnte Gabriel die Stirn an den Türpfosten und weinte bitterlich. Alles dies blieb nicht ohne Wirkung auf die Lehrer. Unser hoch würdiger Direktor machte den Vorschlag, es noch einmal bei einer bloßen Rüge bewenden zu lassen, jedoch unter feierlicher Androhung des Ausschlusses für den Fall der nächsten Widersetzlichkeit. Auch habe Gabriel dem Pater Winkler angesichts der Klasse Abbitte zu leisten. Das Schulgericht stimmte diesem Vorschlag zu. Den Abend verbrachte ich als Gast Frau Gabriels und ihres Sohnes. Wir saßen im Wohnzimmer, das ich schon kannte. Aber Frau Gabriel hatte w7enig Zeit, uns Gesellschaft zu leisten; alle Augenblicke wurde sie abberufen. Weinseliges Lärmen aus der Wirtsstube drang bis zu uns. „Wie bist du auf die Idee gekommen, meine Mutter zu holen?" „Es schien mir das Natürlichste." „Es war ein genialer Gedanke!" rief er in seiner stürmischen Art. „Was nicht der Verstand der Verständigen sieht, das ahnet... Schiller liebe ich übrigens mehr als diesen ■— Andern. Kennst du die herrlichen Verse aus ,M>aria Stuart', in denen er unseren Gottesdienst verherrlicht? Er hat auch diese gottesmörderische französische Revolution nicht gemocht, obwohl er durch sie Ehrenbürger von Frankreich gewrorden ist. Aber meine Mutter", fuhr er sprunghaft fort, „hat mich gerettet. Ja, sie —" er zeigte mit dein Daumen gegen die Tür — „sie allein hat mich gerettet. Ohne sie wäre ich jetzt. . .", er starrte auf das Kruzifix, das über dem Schreibtisch hing, und schwieg. Dann sagte er: „Denn meine Bitte hätten sie ja rund abgeschlagen, unsere Großinquisitoren. Was es aber meiner