Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1929)
- Article
- Der Sohn
- Date
- 1929-05-01
- Page
- Seite 246 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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246 MENORAH zum Direktor!" Doch mit einem Ruck befreite sich Gabriel und gewann die Tür. Schon jenseits der Schwelle, beide Hände auf die Brust gepreßt, rief er uns zu: ,,Selig sind, die verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen, denn ihrer ist das Himmelreichl" Dann verschwand er. Unter ungeheurem Tumult eilte Winkler ihm nach, erreichte ihn aber nicht mehr. Gabriel war durch ein Fenster des Erdgeschosses in den Kreuzgarten und von dort ins Freie geflüchtet. Ich folgte ihm, das offene Fenster nicht beachtend, auf falscher Fährte: durch die Vorhalle und das Tor, Nach vergeblicher Suche kehrte ich in die Schule zurück — vielleicht hielt er sich hier verborgen. Aber ich fand ihn auch hier nicht. Nun stand ich wieder in der Vorhalle. Einträchtig schmückten diese ein über dem inneren Torbogen angebrachtes Reliefbild der Mutter mit dem Kinde und die zu beiden Seiten der Treppe aufgestellten Büsten des Sokrates und des Plato, in denen allerdings viele die Vorläufer des Erlösers erblicken wollen. Der Unterricht aller Klassen war längst zu Ende, es ging stark auf fünf Uhr. Ich besorgte — wie sich erwies, mit Recht — daß die Lehrerkonferenz bereits über Gabriels Bestrafung ratschlage, und mutmaßte schweren Karzer oder Ausschluß — also Gefängnis oder Ausstoßung — beides unerträglich für Gabriel und entscheidend für seine Zukunft. Ich mußte rettend eingreifen, das war gewiß. Und ich nahm rasch den Weg zu seiner Mutter. Gabriel dort zu finden, konnte ich nicht hoffen, denn ich ahnte, daß die drohende Abstrafung sein Gemüt mit schweren Vorwürfen belastete, und er es nicht wiagte, seiner Mutter jetzt unter die Augen zu treten. Für sein Leben fürchtete ich nicht, obwohl er sicherlich fähig gewesen wäre, aus der hohen Ekstase seines Bekenntnisses zur Bergpredigt sich in den Sündenabgrund des Selbstmords zu stürzen. Im Gabrierschen Gasthaus gab es um diese Zeit nur wenige Gäste; bloß im Schankzimmer saßen zwei Fuhrleute bei ihrem Bier. Ich fragte ein Mädchen nach Frau Gabriel, aber da erschien diese schon selbst in der Tür hinter dem Schanktisch, die Hände an ihrer breiten Küchenschürze abtrocknend. Ich nannte meinen Namen. Groß er Gott/' rief sie, — es ist etwas passiert mit dem Richard! Natürlich ist etwas passiert — ich seh's Ihnen ja an. Großer Gott!" Aufgeregt führte sie mich, einen schmalen Gang durchquerend, in das Wohnzimmer, wo ich sofort Richards bücher- und schriftenbedeckten Schreibtisch wahrnahm, den ein goldglänzendes Kruzifix überstrahlte. „Um Gottes willen, was ist geschehen?!" Ich berichtete rasch,