Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1929)
- Article
- Der Sohn
- Date
- 1929-05-01
- Page
- Seite 244 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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244 MENORAH üben. Eine schriftliche Arbeit über „Goethe und das Straßburger Münster" führte er ganz im Sinne des Lehrers durch. Doch das Unheil ließ nicht lange auf sich warten. Zu den Gedichten Goethes, deren Wortlaut wir uns einzuprägen hatten, gehörte auch „Prometheus". Pater Winkler mochte sich von der starken Deklamationskraft Gabriels besonders viel für den Vortrag dieser zweifellos gewaltigen Verse versprechen und rief ihn dazu auf. In der letzten Bank, wo er von jeher mit Vorliebe saß, erhob sich Gabriel. „Ich habe dieses Gedicht nicht memoriert, Hochwürden." „Warum nicht?" „Ich konnte es nicht über mich bringen, mir Verse einzuprägen, die eine Beschimpfung jeglicher Gottheit enthalten." „Ich habe geglaubt, daß gerade dieses Gedicht Ihrem hochgesteigerten Selbstgefühl entsprechen wird. Übrigens haben Sie an dem vorgeschriebenen Pensum keine Kritik zu üben — auch ich bin daran gebunden. Sie werden, wie alle Ihre Mitschüler, diese Verse memorieren. Ich werde mich in der nächsten Stunde davon überzeugen I" Ich atmete auf: das war glimpflich verlaufen. Auch mein Freund schien dies zu fühlen. Denn als ich auf dem Nachhauseweg hervorhob, mit welcher Milde ihn unser Lehrer behandelt hatte, und meinte, dieser habe ihm geradezu eine Brücke gebaut, erwiderte Gabriel: „Ich werde ihm auch eine bauen." In der nächsten Literaturstunde wurde er sofort aufgerufen. „Ich will hoffen, daß Sie bereit sind." Gabriel trat vor. „Ich habe mir Mühe gegeben zu gehorchen, Hochwürden. Aber mein Gewissen hat sich zu stark dagegen gesträubt. Um Hochwürden meine Bereitwilligkeit zu beweisen, habe ich ein anderes Gedicht desselben Autors memoriert, das auch im Lesebuch steht: ,Johanna SebusV Pater Winkler schlug mit dem Buch auf den Tisch: „Das übersteigt alle Grenzen! Mein Christentum steht dem Ihren doch gewiß zumindest nicht nach .. ." Gabriel wurde brennend rot. Da mochte den Lehrer das Gefühl, in seiner Ironie zu weit gegangen zu sein, zum Einlenken bewegen. „Ich gebe Ihnen noch Bedenkzeit bis zur nächsten Stunde", sagte er rasch. Diesmal wies Gabriel meinen Rat schroff zurück. „Ein zukünftiger Priester kann vor keiner Gemeinde, also auch nicht vor der Klasse, die poetische Verherrlichung eines Rebellen vortragen, der ,Menschen