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Menorah · 1929-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1929) · p. Seite 243

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
7 (1929)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1929)
Article
Der Sohn
Date
1929-05-01
Page
Seite 243 (sequence 5)
Language
German
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DER SOHN 243 wieder, als ich ihn verlassen hatte. Oder wirkte er nur so, weil wir anderen alle gebräunt oder mit roten Backen zurückgekehrt waren? Er hatte die Stadt nicht verlassen, sondern, wie er sich ausdrückte, den Urwald der Evangelien gerodet. Wir gingen im Kreuzgang auf und nieder. ,,Kannst du's begreifen, daß ein so hochgebildeter und durchaus nicht ungerechter Mann, wie dieser Pilatus, einen Barabbas freigibt und einen Christus kreuzigen läßt? Da ist eine Lücke in der Motivierung offengeblieben. Interessant übrigens, daß Barabbas auch Jesus geheißen hat. Das ist das einzig Wertvolle von allen Feststellungen dieses vernünftlerischen Renan." Mit dem Gefangenenaufseher verkehrte er viel. Eines Tages bewog er ihn, uns die Gefängniskirche zu zeigen. Als wir eingetreten waren, wies Gabriel auf die schmucklose Kanzel und sagte: „Dort werde ich einst stehen — ein Christus der Barabbasse!" Diesem Vorsatz widersprach allerdings, daß er in der nächsten Woche der Religionsstunde fernblieb, zwar ein Krankheitszeugnis beibrachte, zu mir aber sagte: ,,Ich war nicht krank. Aber was soll mir dieses ganze Christentum? Ich bin Jude!" Vielleicht »wollte er durch dieses sprunghafte Bekenntnis zu seinem mütterlichen Blute sich aus verzehrenden Kämpfen retten, die innerhalb seines katholischen Glaubens entbrannt waren. Bald aber merkte man nichts mehr davon, und kurz darauf kam es zu jener unvergeßlichen Szene, in der er sich zum Verteidiger des Christentums in einer Weise aufwarf, die seines Untergangs erste Stufe wurde. Wir beschäftigten uns vom Beginn dieses Schuljahres an viel mit Goethe, dessen Wesen und Werke unser Lehrer Pater Winkler, derselbe, mit dem Gabriel schon einmal in Widerstreit geraten war, uns erläuterte. Man hätte meinen müssen, daß Gabriel, getragen von seinem Gefühl für Form und Größe, diesem Teil des Lehrplans glühendes Interesse entgegenbringen werde. Doch er erklärte mir, daß er Goethe hasse. Dieser sei Heide gewesen, habe die deutsche Welt aus dem Lichte des Christentums in die Vielgötterei der Antike zurückgeworfen, und es sei geradezu empörend, daß der Lehrplan einer von katholischen Priestern geleiteten Anstalt sich mit einem solchen Mann so viel beschäftige. Er zitierte mir auch wiederholt abfällige Äußerungen über Goethe von einem Schriftsteller namens Börne. Ich erwiderte ihm, daß ich mir in dieser Sache kein Urteil zutraue, daher das seine auch gar nicht anfechten wolle, bat ihn aber, den Forderungen der Schule sich zu fügen, da er sonst eine weit schimpflichere Bestrafung werde erdulden müssen als das letztemal. Meine Worte schienen Wirkung zu

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