Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1929)
- Article
- Der Sohn
- Date
- 1929-05-01
- Page
- Seite 242 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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242 ME N ORAH man von dieser Bestrafung seiner Mutter Mitteilung machen werde, bat er inständigst, dies zu unterlassen. Doch das konnte man ihm nicht gewähren. Er blieb nun durch einige Tage der Schule fern. Als er wieder erschien, mit vertieften Kerben in den hageren Wangen, nahm er schweigend seinen Platz ein und gab mir durch ein in die Luft geschriebenes Kreuzeszeichen zu verstehen, daß ich ihm nachmittags im Kreuzgang begegnen möge. So suchte ich ihn denn dort auf; den plätschernden Springbrunnen im Kreuzgarten umgab schon sommerlich dunkelndes Buschgrün. Gabriel kniete, tief ins Gebet versunken, vor dem Muttergottesbilde, das in die Gangmauer eingelassen war. Nach einiger Zeit erhob er sich, reichte mir die Hand und sagte, auf das Bild deutend: „Die hat's leicht gehabt, ihr Sohn war ein Genius -— ich aber bin der Schandfleck meiner Mutter!" Tränen standen in seinen Augen. Ich war verblüfft und zugleich erschüttert. In den Ferien, die ich bei meinen Eltern auf dem Lande verbrachte, dachte ich oft an ihn. Wenn ich nach der Sonntagspredigt unseres ein wenig umständlichen alten Pfarrers durch die Felder ging, wo die fnichterfüllten Ähren demütig geneigt unter dem klaren Himmel standen, der dort am fernen Horizont sich selbst zur Erde herabneigte, dann fragte ich mich, ob wohl auch mein Freund dieser wunderbaren Einheit der Schöpfung jemals werde innewerden können. War er denn nicht auch eine Einheit, so wie jedes Element der Schöpfung eins war in sich? Zu tief, das spürte ich, waren die Gegensätze ihm ins Blut gebrannt. Heute beugte er das Knie, morgen ballte er die Faust. Er hatte inzwischen die Bekanntschaft eines Gefangenenaufsehers gemacht und teilte mir dies auf einer Bildkarte mit, der verkleinerten Wiedergabe eines Gemäldes „Verbrecher in der Kirche", das einen Gottesdienst für Gefangene in eindringlichen Typen darstellte. Darunter hatte er geschrieben: „Diesen will ich Priester sein — nicht jenen, die das Bild der Gottesmutter in Maroquin neben ihr Bett stellen." Wir waren nämlich knapp vor Schulschluß in einer alten Allee des abendlichen Stadtgartens der Baronin Espen begegnet, die, Arm in Arm mit ihrem Sohn, sich dort erging, während vor dem Parktor der Wagen wartete. Wir grüßten, und sie ließ ein Lächeln aus ihrem schönen, sanften Antlitz zu uns herübergleiten. Nach einigen Schritten sagte Gabriel: „Die hat sicherlich das Bild der Gottesmutter in Maroquin neben ihrem Himmelbett stehen — ich aber, bei Gott, tauge nicht zum Abbe!" Im neuen Schuljahr fand ich Gabriel noch schlechter aussehend