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Menorah · 1929-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1929) · p. Seite 241

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
7 (1929)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1929)
Article
Der Sohn
Date
1929-05-01
Page
Seite 241 (sequence 3)
Language
German
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DER SOHN 241 Tor stufen des Gymnasiums, als eine Equipage heranrollte, in der die Mutter eines unserer Mitschüler saß, die Baronin Espen, eine blonde, auffallend hochgewachsene Frau, die ihren Sohn abholte. Als der Wagen mit den beiden davonfuhr, stieß Gabriel hervor: „Das fährt vierspännig — und meine Mutter../' Ich sagte lächelnd, daß ich bloß ein Zweigespann gesehen habe, er aber erwiderte heftig: „Dem Wesen nach ist es vierspännig!" Stets wußte er zu verhindern, daß ich ihn besuche, offenbar, um zu verhüten, daß ich seine Mutter im Verkehr mit den Gästen sehe, obwohl ihm doch bekannt sein mußte, daß meine auf dem Lande lebenden Eltern ebenfalls von geringem Stande waren. Einmal speiste ich aber ohne sein Wissen im Gasthaus Gabriel, da meine Kostgeberin verreist war, und sah dort seine Mutter, eine mittelgroße Frau von ein wenig vollen Formen, unter schon ergrauendem Haar die Feueraugen des Sohnes. Sie waltete anordnend am Schanktische und überließ die Bedienung der Gäste im allgemeinen einem Kellner. Bloß gelegentlich half sie aus oder begab sich zu diesem und jenem, wobei sie allerdings auch mit Leuten von sichtlich niederer Herkunft nach Wirtsart vertraulich plauderte. Vielleicht war es dies, was mein Freund als herabwürdigend empfand, gequält von einem geheimen Erinnern an die einstige Auserwähltheit jenes Volkes, dessen Muttermilch er getrunken hatte. Kurz darauf entstand wieder ein Konflikt in der Schule. Anknüpfend an die Lektüre des Nibelungenepos gab uns der Literaturlehrer, ein noch junger Pater, zu häuslicher Ausarbeitung das Thema „Hagen, ein Bild der Treue" auf: wir sollten dartun, daß Hagen, indem er Siegfried tötete, seiner beleidigten Königin Brunhild höchste Mannentreue bewiesen habe. Auf unserem gemeinsamen Heimweg erklärte Gabriel diese Auffassung sofort als Unsinn, da im Gegenteil Hagen ein tückischer Verräter und Meuchelmörder gewresen sei; in diesem Sinne wolle er das Thema bearbeiten. Ich widerriet ihm das dringend und wies darauf hin, daß Hagens Verhältnis zu Siegfried eben nicht den Angelpunkt unserer Aufgabe bedeute. Er aber ließ sich nicht abhalten und lieferte eine scharfe Brandmarkung Hagens, mit wuchtigen Hieben gegen die Anschauung des Lehrers. Der fühlte sich verhöhnt und begehrte in der Lehrerkonferenz Gabriels Bestrafung. Da dieser sich schon wiederholt geistige Widersetzlichkeit hatte zuschulden kommen lassen, wurde eine durch den Direktor vor der ganzen Klasse zu erteilende Rüge gegen ihn beschlossen — eine recht erhebliche Strafe. Gabriel empfing sie aufrechten Hauptes. Wie er aber hörte, daß

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