Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1929)
- Article
- Der Sohn
- Date
- 1929-05-01
- Page
- Seite 240 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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240 MENORAH sprossige Stirn kühn vorgelagert dem gewellten braunen Haar, die Nase kräftig vorspringend, aber flügelzart, und, unter langen Wimpern, tiefschwarz die Augen, die so beredt waren wie sein Mund, dann weiß ich, daß er ein starker Streiter geworden wäre für Gottes Wort — oder dawider. Denn so heftig zu irgendeiner Stunde die ekstatische Flamme religiöser Inbrunst aus ihm emporschlagen konnte, so scharf und kalt, so ganz ohne Glaubenswärme bohrte an anderem Tage sein kritischer Verstand im heiligen Text des Evangeliums. Er war fähig, an einem Spätnachmittag im dämmernden Kreuzgang unseres alten Gymnasiums» eines ehemaligen Klosters, vor den steinernen Aposteln und mir einzigem lebendigem Menschen eine hinreißende Predigt auf das Jesuswort „Fürchte dich nicht, du kleine Herde" zu halten oder gegen jene „Vernünftigen" zu eifern, die Christi Wunder zu „erklären" sich vermaßen, — und in der nächsten Woche unserem erschrockenen Religionslehrer eine Abhandlung zu überreichen, darin er ausführte, daß Jesus eigentlich nur der Schatten sei, den die Lichtspur des Jesaias geworfen habe. Mit unseren Lehrern, durchwegs Priestern des Piaristenordens, gütig fast alle und feingebildet, hatte er oft Konflikte. Er war in den alten Sprachen und in der deutschen Literatur glänzend beschlagen, aber er hatte eine unbezwingbare Neigung, dem Lehrstoff auf eigene Faust beizukommen, statt der verlangten Lektion etwas anderes, vielleicht Bedeutsameres, zu studieren, sich mit dem Schulplan in Widerspruch zu setzen — indem er ihn übertrumpfte. So brachte er es schon als Quintaner gelegentlich einer Schularbeit fertig, statt der geforderten wörtlichen lateinischen Übersetzung des deutschen Prosatextes eine solche in lateinischen Hexametern zu liefern, was wohl das philologische Entzücken unseres Lehres hervorrief, Gabriel aber auch die strenge Warnung eintrug, sich in Hinkunft stets an das vorgezeichnete Pensum zu halten. Das hinderte ihn jedoch nicht, bald darauf, bei ähnlicher Gelegenheit, statt der geforderten Übertragung eines lateinischen Livius-Textes in das Deutsche eine solche in das Griechische zu verfassen, und zwar so, daß ein Herodot sich ihrer nicht hätte schämen müssen. Diesmal erweckte er den ernstlichen Ärger unseres guten Paters Malnicky, der ihm sogar drohte, er werde bei der nächsten Eigenmächtigkeit seine Mutter in die Schule zitieren. Dies mochte ihn schrecken, denn an seiner Mutter hing er sehr. Aus mancher seiner Äußerungen ersah ich auch, daß ihre geringe gesellschaftliche Stellung ihn bedrückte. Einmal standen wir auf den