Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1929)
- Article
- Der Sohn
- Date
- 1929-05-01
- Page
- 239 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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DER SOHN Von Oskar Jellinek Copyright 1928 by Paul Zsolnay Verlag, Wien—Leipzig. Nachdruck verboten Ob Richard Gabriel, mein Mitschüler am Mariengymnasium, einer von den großen Priestern unserer Heiligen Kirche geworden wäre, so wie es mir bestimmt ist, einer ihrer bescheidenen Diener zu sein, ob er, was mich wahrscheinlicher dünkt, zu den Reihen der Rebellen wider sie abgefallen wäre — und doch einst reuevoll zu ihr zurückgefunden hätte: das alles zu bedenken, ist heute müßig, da sein früher Hingang alle diese Hoffnungen oder Befürchtungen jäh zerschnitten hat. Ich aber, der ich sein Freund gewesen bin und ungezählte! Stunden eindruckstiefen, ja bedeutenden Umgangs der widerspruchsvollen Vielfältigkeit und Eigenart seines Geistes zu danken habe, möchte der Öffentlichkeit endlich ein Dokument erschließen, das mir bezeichnender für ihn scheint als jener schmale Band geistlicher Verse und scharf geformter Gedanken, der, auf Wunsch seiner Mutter, wenige Jahre nach seinem Tode herausgegeben wurde — zumal dieses Dokument (eine Arbeit übrigens, die auch um ihrer selbst willen stärkste Beachtung verdient) mit seinem traurigfrühen Sterben in engstem Zusammenhange steht. Richard Maria Gabriel war Sohn einer Jüdin. Diese, Charlotte Gabriel, betrieb eine kleine Gastwirtschaft, die sie von ihrer Mutter übernommen hatte, und in der bloß einfache Leute verkehrten. Wer Richards Vater war, wußte niemand genau. Aber die Pflicht zur Wahrheit zwingt mich mitzuteilen, daß für Richards Leben ein ziemlich allgemeines Gerücht die Verfehlung eines jungen Priesters verantwortlich machte, der, damals täglicher Gast in der Gabriel'schen Wirtschaft, Neigung zur Wirtstochter gefaßt hatte. Darüber Nachforschung zu pflegen, warum Gottes Ratschluß gerade einen seiner Diener ausersehen hat, einen Unseligen in die Welt zu setzen, steht mir nicht zu. Richard empfing, wie er mir erzählte, sofort nach der Geburt die Taufe und wurde streng in unserem Glauben erzogen, ob aus der Mutter eigenem Antrieb oder auf Geheiß des fernen Vaters, weiß ich nicht. Von diesem sprach er mir, eine späte Andeutung ausgenommen, niemals, sagte mir nur, daß in ihm selbst der Wunsch, Priester zu werden, schon sehr früh erwachte. Nun, er war nicht der erste, dem der stolz dahinrauschende Farbenstrom kirchlichen Lebens die empfängliche Phantasie mächtig aufgerührt hatte. Und wenn ich ihn vor mir sehe: hochaufgeschossen, bleich, die weiße, nur ein wenig sommer-