Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1929)
- Article
- Samuel Jacobs
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 221 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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SAMUEL JACOB S 221 sogar dem Vater, daß er ihn vom Laden befreien werde. Er würde nicht mehr Tabak verkaufen müssen, würde sein eigenes Haus haben, den ganzen Tag ungestört Talmud studieren können. Was wußte der alte Jacobs von der Wall Street? Nur daß es eine Straße mit riesigen Gebäuden war, in denen Tausende von Menschen arbeiteten, wo es Leute gab, so reich, daß man sich ihren Reichtum gar nicht vorstellen konnte. Die jiddischen Zeitungen stellten diese Menschen als Blutsauger hin, als Leute, die ihre Angestellten zu Tode hetzten. Sie brachten auch Abbildungen: riesige Fettmassen, die auf dem Arbeiter sitzen, in den Händen Säcke, auf denen Zahlen mit vielen Nullen stehen. Das sind Menschen, die alle berauben, um mehr zu besitzen, als sie verbrauchen können. Wollüstlinge, Mörder, gleich den Bewohnern von Sodom und Gomorra, die Gott in seinem Zorn mit Feuer vom Himmel gestraft hatte. Und dort wollte sein Sohn arbeiten. Sein Sohn würde eines von jenen angeschwollenen Ungeheuern werden, die die Milch aus der Mutterbrust stehlen. Und Jacobs konnte nichts tun. Er war machtlos. Als der Sohn nach einer gewissen Zeit die erste Gehaltserhöhung erhielt und mit freudestrahlendem Gesicht heim kam, litt Jacobs sehr. Er vergrub sich immer mehr in seine Bücher, freute sich an ihnen, fand in ihnen eine Zuflucht vor dem Kummer seines Lebens. Er war stets voller Sorgen. Der Gedanke an den Sohn, irgendwo in der Unteren Stadt, wo der Alte nie gewesen war, erfüllte ihn mit Angst. Er fürchtete immer, daß Sam etwas zustoßen, daß er blutüberströmt auf einer Bahre heimgebracht werden, oder daß jemand in den Laden gestürzt kommen könnte, um ihm mitzuteilen, der Junge sei tot. Sooft Sam spät heim kam und ein fremdes Gesicht im Laden auftauchte, preßte sich das Herz des Alten zusammen und entsetzliche Angst überkam ihn. Verlangte dann der Fremde Tabak oder ein Paket Zigaretten, so atmete der alte Mann erleichtert auf und wischte sich den kalten Schweiß von der Stirne. So verging die Zeit. Der Vater wurde immer verschlossener, der Sohn immer herrischer. Nun begönnerte er bereits den Vater, diesen armen Narren, der nicht wußte, was das Leben, was die Zivilisation war. Sprach er mit ihm, so klang seine Stimme laut, herablassend, fast verächtlich. Jacobs schwieg. In seinem Herzen jedoch tobte ein Sturm, eine Kleinigkeit hätte genügt, ihn zum Ausbruch zu bringen. Und dann... Der Vater eines Juden muß für den Sohn ein zweiter Gott sein, Macht haben