Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1929)
- Article
- Samuel Jacobs
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 220 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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220 MENORAH die Schule zu schicken. Wir sind in Amerika, hatten sie gesagt. Hier sind alle gleich. Hier genießen alle die gleiche Erziehung. Tat der Sohn es nicht, so würde er dadurch in den Augen der Welt in Nachteil geraten. Und Jacobs hatte nachgegeben, den Sohn in eine Schule geschickt, wo er Dinge lernte, die dem Vater fremd waren. Dem Vater, der daheim in der alten Heimat den Ruf eines Weisen genossen hatte und auch hier in New York, wo die Menschen Bücher verachteten, von den Freunden und Nachbarn geehrt wurde. In ihren Augen war er ein heiliger Mann, der das Behagen und die Freuden des Lebens verschmähte, nur dem Lernen lebte. Jacobs hatte gehofft, daß der Sohn, sobald er mit der Schule fertig war, klug genug sein würde, zu seinem Vater zurückzukehren und mit ihm zu lernen. War er denn nicht sein Sohn? Floß nicht in seinen Adern das Blut des Vaters? Aber Jacobs hatte sich getäuscht. Sam wollte nichts von der Heiligen Schrift wissen. Er wollte arbeiten, Geld verdienen, sich gut kleiden, auf der Delancey Street spazieren, mit dummen Mädchen schäkern. Und er tat es auch. Weder die Argumente, noch die Drohungen, noch die spärlichen Prügel, mit denen Jacobs ihn zu überzeugen versuchte, führten zu dem gewünschten Ergebnis. Sam erklärte, er werde fortlaufen, allein leben. Und Jacobs gab nach. Hätte der Sohn das Elternhaus verlassen, so wäre das die größte Tragödie gewesen. Kinder müssen bis zu ihrer Heirat bei den Eltern bleiben, bis zu dem Augenblick, da sie ein eigenes Heim gründen. Vielleicht hoffte Jacobs immer noch, den Sohn zu überzeugen, ihn seinem Willen gefügig zu machen. Aber seine Hoffnung war trügerisch. Sam bereute nicht. Sam arbeitete, verdiente Geld und zwang sogar die Mutter, Kostgeld von ihm anzunehmen, was Jacobs tief kränkte. Sam hatte seine Freunde, törichte Burschen, die Karten spielten, mit leichtfertigen Frauen umgingen, mit schamlosen Weibern. Wenn Jacobs, neben seiner Frau im Bette liegend, den Sohn in den frühen Morgenstunden heimkehren, sich schwankend auskleiden hörte, vermochte er sich nicht zu beherrschen. Er sank mit einem so tieftraurigen Seufzer in die Kissen zurück, daß seine Frau erwachte und erschrocken fragte: „Was fehlt dir, Jankel? Was ist geschehen?" Und dann war Sam in die Wall Street gegangen. Er hatte schon vorher lange davon gesprochen, hatte sogar versucht, seinem Vater einzureden, daß er recht habe: in der Wall Street kann man viel Geld verdienen, reich werden. Freilich würde der Anfang schwer sein, aber nach einiger Zeit würde er reich und mächtig werden. Er versprach