Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1929)
- Article
- Samuel Jacobs
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 222 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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222 M E N O R A II über dessen Leben und Tod. Sam aber war ein Niehls. War ein Stück Unrat, das der Wind verweht. Die Mutter sagte nichts. Stritten Vater und Sohn, so verhielt sie sieh schweigend, bis der Streit zu arg wurde: dann nahm sie den alten Jacobs beim Arm und brachte ihn stumm zu Bett. Nur einmal, als Sam gar zu frech gegen den Vater gewesen, hatten ihre Augen gelodert: sie war auf den Sohn zugetreten und hatte ihn mit aller Kral't ins Gesicht geschlagen. Dann freilich war sie in einen hysterischen Weinkrampf verfallen und man halte den Arzt holen müssen. Von da an blieb sie immer ruhig; nur ihre Augen waren traurig, und manchmal, wenn die beiden Männer gar zu heftig stritten, wischte sie sich hastig mit der Schürze die Augen. Nun wurde die Straße belebter; die Arbeiter kamen heim. Einige betraten den Laden und plauderten einen Augenblick mit dem alten Jacobs. Sie behandelten ihn voller Achtung: es kam häutig vor, daß er zwischen Neuankömmlingen, die sich vor den Gerichten fürchteten. Streitigkeiten schlichtete. Die Abendzeitungen waren schon heraus und die Leute sprachen über die neuesten Nachrichten, Sam kam. Der Vater bemerkte, daß der Bursche sorgenvoll dreinsah, und fragte sich, was wohl geschehen sei. Sam jedoch ging in die Küche und blieb dort. Der Laden wurde still. Die Menschen aßen zu Abend, die Straße war verödet. Die Drückkarren waren verschwunden, nur der Unrat lag auf dem Pflaster. Jacobs schloß seinen Laden, zündete die kleine Lampe an, blieb einen Augenblick versonnen stehen, die Hand im Bart vergraben, und ging dann langsam in die Küche. Der Tisch war gedeckt. Die Frau schüttete das Essen aus dem Topf in eine große Schüssel. Jacobs stand eine Weile stumm im Türrahmen. Die Küche war immer dunkel; durch das blinde Fenster sah man die Feuerleitern zu dem kleinen Stückchen Himmel aufragen, das zwischen den Dächern der Mietskaserne1 sichtbar war. Sam saß. eine Zigarette rauchend, am Fenster. Er sah klein und bekümmert aus: Jacobs wäre gern zu ihm getreten, hätte ihn gern bei der Hand genommen, mit ihm gesprochen, den Grund seiner Traurigkeit erfahren. Sie waren Vater und Sohn und sohlen Freunde sein. Aber etwas trennte die beiden, etwas hatte zwischen ihnen eine Mauer errichtet. Sam hätte über diese Mauer klettern können, der Vater nicht: der war zu all und zu würdevoll. Nein, nicht zu würdevoll, aber war er nicht der Vater? Mußte nicht der Sohn zuerst zu ihm kommen? Hatte er darauf nicht ein Recht? Der alte Mann trat zum Ausguß, wusch sich die Hände, betete