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Menorah · 1929-03-01 · Heft 3-4 (März 1929) · p. Seite 218

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
7 (1929)
Issue
Heft 3-4 (März 1929)
Article
Samuel Jacobs
Date
1929-03-01
Page
Seite 218 (sequence 2)
Language
German
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218 M E N O R A IL Vorn im Laden las der alte Jacobs den Talmud. Wenn er zu einer schwierigen Stelle gelangte, legte er den Finger auf das Wort und hob den Kopf. Er versuchte die Stelle ohne Hille der Kommentare zu verstehen. Das machte ihm Freude. Der alte Jacobs hatte den Talmud bereits viele Male studiert, doch fand er immer wieder Stellen, die ihm zuerst klar erschienen waren, nun jedoch nach einer Erläuterimg verlangten. Hatte er eine neue Erklärung gefunden, so war er beglückt und verblüffte damit am Abend Herrn Rosen, den großen Talmudisten. Kam der Gegner nicht selbst auf die Erklärung, so gab sie der alte Jacobs und lachte innerlich vor Freude. Er hatte nicht gerne, wenn Kunden kamen. Sie störten ihn. Wenngleich sie ihn voller Ehrfurcht als großen Gelehrten behandelten, so stellten sie doch häufig törichte Fragen, die ihn ärgerten. Beschuldigte ein Neuankömmling aus Europa die Nachbarschaft der Gottlosigkeit, was häufig vorkam, so wurde er zum alten Jacobs gebracht, um ihm zu beweisen, daß es auch in Amerika weise Männer gab, die das Gesetz und die Propheten kannten, die den Talmud verstanden, ihn anzuwenden wußten, Männer, die sich durch das Lesen der Heiligen Schriften selbst geheiligt hatten. Auf der Straße Feuerleitern. Drückkarren, Händler, Käufer und Kinder. Vormittags machten sie immer einen großen Lärm, was den alten Jacobs störte, am Spätnachmittag jedoch wurde die Straße stiller. Die Waren hatten bis auf wenige Reste ihre Käufer gefunden, die Hausierer standen noch umher, hofften, auch die letzten Waren abzusetzen und mit leeren Drückkarren heimzukehren. Die Waren, von Anfang an minderwertig, waren nun bereits von unzähligen Händen betastet und begannen zu faulen. Kam ein verspäteter Käufer, so füllten die Hausierer rasch die Tüte oder schlugen das Gewünschte in Zeitungspapier ein, damit der Kunde erst daheim die Ware sehe. Rings um die Drückkarren tollten die Kinder, suchten nach herabgefallenem Obst oder spielten mitten im Gedränge Murmeln oder Baseball. Winzige Knirpse hockten neben dem Drückkarren der Muller, aßen Butterbrot, gruben die Finger in die Butter und schleckten sie dann ab. Manchmal kam ein Polizist vorüber, müde von der Tagesarbeit, der Kontrolle der Lizenzen, dem Schlichten von Streitigkeiten. Es war späi am Nachmittag, die Zeit, da die Leute so eitrig wie möglich arbeiteten, damit der Feierabend rascher komme. Die Menschen, die müßig waren oder daheim saßen, langweilten sich, warteten ungeduldig auf die arbeitenden Verwandten. Die ganze Straße sah gleichsam entspannt aus. Das Pflaster, auf dem der Unrat des Marktes

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