Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1929)
- Article
- Juden sollen Bauen werden!
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 210 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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210 MENORA H sich in die Kneipen auf, um Brot zu kaufen, aber sie führten diesen Artikel nicht. Die Augen gingen uns aus vor Ungeduld, wir hielten Ausschau nach allen Seiten, oh nicht jemand komme, um uns in u n s e r Land zu bringen. Aufregung bemächtigte sich der Leute; sie stieg bis zum Siedepunkt. Es bildeten sich Gruppen und Grüppehen; sie standen neben den Schienen und diskutierten mit Händen und Füllen... Unzufriedenheit und Verzweiflung bemächtigte sich ihrer mählich und mählich und sie wuchsen mit jedem Augenblick. Aller Augen bohrten sich in das Gestrüpp. „Man kommt!" schien es. Einige ergingen sich in echt russischen Komplimenten, die den schlampigen Kolonisationsbeamten galten. Andere bahnten sich Weg durch die hohen Stauden und Disteln, kehrten aber bald ermüdet und verschwitzt zurück, vollbesät mit gelhem Unkraut und grünen Kletten. So ging die Zeit bis gegen zwei Uhr nachmittags dahin. Plötzlich vernahm man Peitschenknallen, und aus den Gräsern wuchs gleichsam ein Gefährt heraus mit zwei unmöglich hohen Rädern, das von einem ganzen Dutzend Pferden gezogen wurde. Ihm folgte ein zweites und ein drittes — zusammen acht an Zahl —- alle mit gleich hohen Rädern, und sie stellten sich in einer Reihe längs der Eisenbahnlinie auf. Indes sprengte ein blonder Mann auf einem kräftigen, feurigen Roß heran und gab den farbigen Kutschern irgendwelche Befehle in spanischer Sprache, worauf jeder von ihnen aus den hohen Wagen einen Berg mit hartem, gedörrtem Zwieback auf das Gras schüttete, die sogenannten, bei den jüdischen Kolonisten berühmt gewordenen .,Galletas". Dann kam noch ein zweiter junger Herr mit milchweißem Teint und zarten, edlen Gesichtszügen und Bewegungen zu uns geritten, bcgrüßte uns in deutscher Sprache und stellte sich als unser Administrator: G e r b 1 vor. „Wer Hunger hat, kann von diesem Zwieback essen!'* erklärte er. Unser Schamgefühl war schon nach der Überschreitung der deutschen Grenze von uns gewichen, gleich nach dem ersten Gnadenbissen, den die deutschen Juden uns zugeworfen hatten, teilweise aber bewirkte es auch der drückende Hunger, daß alle inneren Hemmungen sich lockerten; wir ließen uns also nicht lange bitten und stürzten uns wie Wilde auf den Zwieback, als wäre es das leckerste Gericht. Die Gesichter der bronzefarbigen Argentinier schnitten spasmatische Grimassen, als sie diese Szene beobachteten. Sie fuchtelten mit ihren Händen wild herum; und als sie bemerkten, daß die hung-