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Menorah · 1929-03-01 · Heft 3-4 (März 1929) · p. Seite 208

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
7 (1929)
Issue
Heft 3-4 (März 1929)
Article
Juden sollen Bauen werden!
Date
1929-03-01
Page
Seite 208 (sequence 10)
Language
German
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208 M ENORA H ein besonderes Dorf aufgeteilt — mit Gedalje Schoohet als religiösem Führer; die Leute aus Cherson und Bessarabien sollten eine eigene Kolonie bilden, und man überließ ihnen den alten Schochct als Angebinde. Aber die Sache hatte einen Haken — nämlich die paar Litwaken*); man wußte nicht, wo man sie hintun sollte... Sie waren auch auf dem Schiffe die Ursache eines gefährlichen Streites, der zur Intervention des Kapitäns und zur Verhaftung des jungen M. G. führte. Aber es ist lohnend zu erzählen, wie die Sache sich abgespielt hatte. Die Frau des Tischlers Chajim gebar auf dem Schilfe einen Knaben. Bei der Schiffsmannschaft ging es drunter und drüber. Vom Kapitän bis zum geringsten Matrosen waren alle in heller Freude. Eine Geburt auf dem Schilfe ist wohl ein großes Ereignis! ,,0, diesen Jungen werden wir in das Schiffsregister eintragen, er wird eine freie Reisekarte für alle Weltmeere erhalten", versicherte der SchilTskapitän dem Vater des Kindes. Die Mutter des Neugeborenen wurde im Spital gehalten, die Passagiere der ersten Klasse beschenkten sie reichlich mit allen möglichen Dingen. Kurzum, die Freude war unbeschreiblich. Nach acht Tagen wurde die Beschneidung auf fürstliche Art gefeiert. Der Kapitän fungierte als Pate und er spendete den Emigranten zweihundert Flaschen Madeira wein. Nun machten sich unsere polnischen Chassidim über den ,,Madeira" her und waren bald benebelt. Kam einem „Litwak" in den Sinn, ihnen Moral zu predigen und sie überzeugen zu wollen, der Wein sei „nessech". Da übermannte den jungen M. G. seine chassidische Begeisterung und mit einer leeren Flasche hieb er auf den Kopf des Moralpredigers. Damit er seine chassidischc Hitzigkeit ein wenig abkühle, wurde er im untersten Schilfsraum eingekerkert. Dieser Ursache wregen entbrannte der Streit und er dauerte bis Tischa-Beab. Am Vorabend des 9. Ab, als wir alle auf dem Verdeck saßen, und Moses Mehlmann (später Vorbeter und Mohel oder ,,Reverend" in New York) mit seiner Tenorstimme die Kinolh las — die Männer schluchzten, die Weiber jammerten, und einige räusperten sich — standen die Offiziere und vornehmen Passagiere rings im Kreise und bedauerten uns. Trat plötzlich ein junger Deutscher vor (vielleicht war er ein Jude) und bald nach Beendigung der Kinolh, hielt er uns eine Predigt, warf uns vor, wir seien uneinig und lebten nicht in brüderlicher Eintracht. Und dank seinen eindrucksvollen Worten wurde Friede und Einigkeit geschlossen, und die Litwaken wurden uns, den Podoliern, zugeteilt. *) Die Juden, die aus Litauen stammen, werden „Litwaken^ genannt.

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