Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1929)
- Article
- Juden sollen Bauen werden!
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 202 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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202 M E N O R A II zu essen. Aber die meisten im Innen während unseres Aufenthaltes im Immigrantenhause keinen Löffel Gekochtes zu sich. Nach der Mahlzeit gab ein Beamter jedem Manne eine Ausgangserlaubnis, um die Stadt besichtigen, zu können. Frauen war der Ausgang verholen. Die Männer durften bis fünf Uhr abends abwesend sein, und dann mußten sieb alle im , JmmigrantenhoteF" wieder einlinden. Schwermut befiel mich, als ich mit noch einigen jungen Leuten die Stadt betrat. Man sah keine lebendige Seele auf den Straßen. Abgeschabte Häuser, mit eisernen Gittern beschlagene Türen und Fenster, einige Pferdeomnibusse schleppten sich schläfrig über die Hauptstraßen der Stadl und führten nur sehr wenige Passagiere. Da und dort begegnete man einer schwarzgekleideten Nonne, mit einem weißen Schleier um das Haupt und einem großen Kreuz auf der Brust. Etwa zweihundert Meter vom ..Immigrantenhotel" entfernt, stießen wir auf einen Zigeunertrupp mit unzähligen Kindern. Zigeunerinnen mit langen, pechschwarzen Zöpfen standen auf dem Gehsteig und wahrsagten, legten Karlen auf und deuteten die Linien auf der Handfläche. Die Zigeunerkinder ließen einen nicht passieren, bettelten um eine Apfelsine, einen Cent oder wenigstens um ein Stück Brot. Ein Polizist in zerschlissener Montur (andere in einem Beinkleid und in einem Stiefel) stand barfuß an der Straßenecke, duselte selig vor sich hin oder stierte träg ins Blaue hinein, indem er oft in aller Seelenruhe eine Orange schälte. Wir sahen einander verblüfft an: .,lsl das Buenos Aires, die Hauptstadt der argentinischen Republik?'" Später erfuhren wir, daß wir gerade nach der großen Revolution des Jahres 1890 angekommen waren, die den Präsidenten Dr. Miguel Juarez Selman wegen seines korrupten Regimes gestürzt hatte: und deshalb sah die Stadt so arm und kläglich aus. Wir schritten die öden Gassen ab. kauften um zehn Cent ein Dutzend Orangen, aßen und gingen. Als wir uns dann in das Immigranten heim zurückbegeben wollten, irrten wir. wie alle „Grünen", umher und erkannten auf keinen Fall die durchmarschierten Straßen und den früheren Weg. Die Immigrantenscheine retteten uns. Ein Polizist übergab uns dem zweiten, der zweite dem dritten, bis wir das Tor des Immigrantenhotels glücklich erreichten. II. Dr. Löwenthal — Der erste Sahhat im fremden Lande Gegen Abend kam ein blonder, junger Mann mit einem sommersprossigen Gesicht, trug ein Aktenbündel unter dem Arm und stellte