Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1929)
- Article
- Juden sollen Bauen werden!
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 200 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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200 M ENOR A II „Ackerbauer, Kalonisten, freie Juden werden wir sein. Schluß mit den Pogromen! Schluß mit Ignatjew und seinen Erlässen!" jauchzten aus vollen Kehlen die aus den Dörfern vertriebenen russischen Juden. Kleine Boote ruderten an die „Tioka" heran, nahmen je zwei oder drei Familien mit ihrem Hab und Gut auf und brachten sie auf argentinischen Boden, wo sie an Land gingen. Ich erinnere mich noch lebhaft an jene Episode im Bool-e, in dem ich, meine Frau und meine drei Kinder Platz nahmen. Mein Ältester, der dazumal achtjährige Abraham, wandte sich erstaunt an seine Mutter: „Sieh mal, Mutter, dort am Ufer steht ein schwarzer Polizist, er raucht eine große Pfeife, zieht und zieht, und man sieht keinen Rauch steigen." Erst später erfuhren wir, daß der schwarze Polizist mittels eines Rohres einen gebrühten Kräuterlee geschlürft hatte — das unter dem Namen „Mate" bekannte argentinische Nationalgetränk. Es wird mit Blech- oder Silberröhrchen aus einem ausgehöhlten Kürbis getrunken. Die Boote brachten die Auswanderer in das Emigrantenheim; es w ar ein altes, großes, mit Moos und Schimmel bedecktes Holzgebäude, wo es unendlich viele Zimmer und Kammern gab. Dort fanden wir auch etwa zweihundert jüdische Emigranten, die mit dem Dampfer „Lissabon" einige Tage vorher angekommen waren. Einige gebräunte Männer winkten uns mit Gebärden an den Tisch, indem sie mit der Hand auf den Mund deuteten — Spanisch hat niemand unter uns verstanden — und wir setzten uns an die langen Tische. Die Schwarzen reichten jedem Brot und eine Blechschüssel mit Fleisch. An Appetit fehlte es keinem von uns; waren wir doch alle lauter junge Menschen und nach einer langen Seereise, weshalb wir mit Eifer ans Essen gingen. Plötzlich erschien ein kleines, hageres Männlein mit einem schiefen, gelben Bärtchen, lief wie ein Wind von einem Tisch zum anderen und lispelte jedem irgendein Geheimnis ins Ohr. Es entstand ein Geflüster, und viele schoben die Schüsseln mit den schmackhaften Speisen beiseite. Hungrige Kinder brachen in Weinen aus: „Mutter, Mutter, ich will essen! Warum nimmst du das Essen weg?" Die Frauen blieben die Antwort schuldig und nahmen schweigend den Kindern die Speisen ab. Bejahrte, fromme Juden, die die Speisen ohnehin nicht berührt hatten, sahen von wreitem zu, zuckten mit den Achseln und schwiegen bedrückt ... Einige Frauen erhoben sich vom