Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1929)
- Article
- Ein Blutmärchen am Purim
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 196 (sequence 3)
- Language
- German
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196 MEN ORAH Juden angeblich hinzu — „daß Haman im Dorfe gefeiert wurde und nicht in der nächsten Stadt. Jetzt wird nichts mehr nützen. In der Stadt hätte sich der Kahal der Sache angenommen; so aber weiß keiner, was da noch werden wird." Auf die Frage, in welcher Sprache die Juden miteinander gesprochen hätten, erklärte der Zeuge Kasimir Stankewitsch, die Juden hätten russisch und jiddisch gesprochen. Er, Zeuge, verstehe Jiddisch, auch Deutsch. Der Hauptzeuge Olschewski bestätigte dem Zeugen Stankewitsch seine Bildung. Solcher Belastungszeugen traten zwölf auf. Dann wurden die von der Verteidigung geführten Zeugen vernommen. Die Protokolle enthalten sechs entlastende Aussagen. Verteidiger des Beniawitsch war der Advokat Aksanutowski; er war dazu von einem anderen polnischen Schlachziz namens Obremski beauftragt worden, der den aufrichtigen Willen bewies, das Lügennetz zu entwirren und die Haltlosigkeit der Anklage zu erweisen. Aus den Aussagen der sechs Entlastungszeugen wird sofort klar, daß die ganze Beschuldigung Olschewskis Werk war. Es ergab sich auch, daß einige von Olschewski geführte Zeugen gar nicht wußten, um was es sich handelte, daß sie keine Spuren von Gewaltanwendung, keine blauen Flecke und keine von Schlägen herrührenden Striemen auf Adamkos Körper gesehen hätten. Einige gaben auch mit naiver Offenherzigkeit zu, von Olschewski die Instruktionen erhalten zu haben: ,,Ihr müsset dem Richter sagen, daß Adamko als Haman ermordet wurde." Hier brechen die gefundenen Dokumente ab. Es ist mit Sicherheit anzunehmen, daß noch mehr Entlastungszeugen geführt wurden. Es fehlt auch das Urteil (allerdings ist die Annahme naheliegend, daß Beniawitsch freigesprochen wurde). Im Archiv von Kamenetz-Podolsk sind keine weiteren Materialien über den Prozeß erhalten geblieben. Die vorhandenen genügen aber, um uns ein Bild von den Menschen und von den Umständen zu geben, unter denen die Beschuldigung eines Ritualmordes am Purim entstehen konnte. Die Geschichte kennt keinen zweiten derartigen Fall; aber in der Literatur gibt es eine Legende solcher Art. David Brodski, der den Prozeß von Kamenetz veröffentlicht hat, erinnert daran, daß der englische Ethnologe F r a z er in seiner „Geschichte der Religionen" die Legende von einem einstigen jüdischen Brauch am Purim gestreift hat. Frazer ist nicht der Ansicht, daß die Juden Christenblut zu rituellen Zwecken benützen, stellt jedoch nicht kategorisch in Abrede, daß