Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1929)
- Article
- Ein Blutmärchen am Purim
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 195 (sequence 2)
- Language
- German
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EIN BLUTMÄRCHEN AM PURIM 195 Was war nun über den toten Kutscher festgestellt worden? Adamko pflegte bei seinen Verwandten im Dorfe, zwei älteren Frauen zu übernachten. Drei Tage vor dem Purimfeste waren die beiden Frauen gestorben. Am Samstag, einen Tag vor Purim, hatte Adamko bei den beiden Leichen Wache gehalten und an ihrer Einsegnung in der Kirche teilgenommen. Am Sonntag, dem Purimtag, hieß der Arendar Moschko den Adamko einspannen und beide fuhren in ein benachbartes Dorf. Von dort kehrten sie nachts heim. Plötzlich begann Adamko über Schmerzen in den Seiten zu klagen. Auf die Frage, was ihm fehle, antwortete er, er wisse es nicht: nach der Aussage Olschewskis soll er auch erzählt haben, er habe am Purim zusammen mit seinem jüdischen Herrn ordentlich gebechert, sie hätten reichlich guten süßen Schnaps getrunken. Diesem Teil seiner Aussage bemüht sich Olschewski einen besonderen Charakter aufzuprägen: „Man erzählt, daß die Juden vorher dem Adamko einen Zauber angetan haben.'' Adamko lag bis Mittwoch im Hause Beniawitsch krank; er erhielt eine Medizin, bestehend aus gekochtem Branntwein, Pfeffer und Honig, doch sie hatte keine Wirkung. Am Mittwoch brachte Beniawitsch den Adamko zu seiner Schwester, die im Dorfe wohnte, und dort starb der Kutscher am Abend des Freitag. Als Olschewski das erfuhr, ging er zur Schwester des Adamko, um den Leichnam zu besichtigen; in seiner Begleitung befanden sich drei Bauern, die auch sämtlich als Belastungszeugen auftraten. Sie gaben übereinstimmend an, auf der Brust des Toten blaue Striemen bemerkt zu haben, die von Schlägen herrührten; es habe den Eindruck gemacht, Adamko sei mit Eisenstangen geschlagen worden. Olschewski teilte diese „Wahrnehmung" sofort dem Dorfältesten mit und beide verhinderten die Bestattung des „Opfers", das als „j ü d i s ch er H a m a n" gedient habe. Die Belastungszeugen brachten gegen den Juden Beniawitsch folgendes vor: Als Beniawitsch verhaftet wurde, riß er die silbernen Knöpfe seines Mantels ab und bat, sie seinen Kindern zu übergeben; denn er wußte, er werde „aus Kamenetz nicht mehr zurückkehren". Überdies wurde als belastend vorgebracht, daß sofort nach der Verhaftung des Beniawitsch seine Familie verschwunden sei. Schließlich wurde von den Zeugen folgendes erzählt: Die Juden von Michalpilsko waren zu Olschewski gekommen, um für Beniawitsch Fürbitte einzulegen. Während sie auf den Schlachziz warteten, besprachen sie — so erzählten die Zeugen — den Fall miteinander; einige der Juden sollen gesagt haben, Beniawitsch sei schuldig, seine Familie sei schuldig. „Es war ein Fehler" — fügten die