Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1929-03-01 · Heft 3-4 (März 1929) · p. 194

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
7 (1929)
Issue
Heft 3-4 (März 1929)
Article
Ein Blutmärchen am Purim
Date
1929-03-01
Page
194 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2912821-2912891-2912895-2923377--07685-2923519
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

EIN BLUTMÄRCHEN AM PURIM Von I. Klinow Die Blutbeschuldigung gegen die Juden steht für gewöhnlich mit einem bestimmten Feste, dem Pessach feste, in Verbindung und das Blutmärchen hat stets dieselbe Melodie: „Die Juden brauchen Christenblut für ihren Pessach". Daß die Blutbeschuldigung ursächlich mit dem Purimfeste verknüpft worden wäre, ist nirgends zu finden, und daß es jemals sogar einen Prozeß wegen einer Ritualmordbeschuldigung gegeben hätte, die sich auf das Purimfest bezieht, war bisher unbekannt. Die ersten historischen Tatsachen über eine Blutbeschuldigung am Purim bringt das jüdisch-historische Sammelbuch, welches die ukrainische Akademie der Wissenschaften in Kiew jetzt herausgegeben hat. Diese Feststellung gründet sich auf Dokumente, Untersuchungsprotokolle und Zeugenaussagen, die in verstaubten Archiven verborgen lagen. Diese merkwürdige RitualmordafTäre hat in dem erwähnten Sammelbuch David Brodski veröffentlicht und bemerkt dazu, daß die Dokumente, welche auf diesen Prozeß Bezug haben, erst jüngst in den Akten des Magistrats von Kamenetz-Podolsk gefunden wurden. Sie haben folgenden Inhalt: Bei dem Arendar von Michalpilsko Moschko Benia witsch (Beniaschewitsch) war ein gewisser Adamko als Kutscher bedienstet. Dieser Adamko starb im März 1764. Es entstand das Gerücht, der Jude Moschko Beniawitsch hätte den Adamko ermordet, um sein Blut zu rituellen Zwecken zu verwenden, und noch im selben Jahre stand Beniawitsch vor dem Kreisgericht von Kamenetz-Podolsk unter Anklage. Im Magistratsarchiv sind bloß vier Protokolle der Gerichtsverhandlungen erhalten geblieben. Zehn Bogenseiten in polnisch-lateinischer Schrift (Kamenetz-Podolsk gehörte damals zu Polen) enthalten die Aussagen der von der Anklage und von der Verteidigung geführten Zeugen. Die vier Protokolle bilden nur einen Teil der interessanten Gerichtsverhandlung. Schon ihnen ist zu entnehmen, daß Adamko an einer Infektionskrankheit gestorben und Beniawitsch grundlos beschuldigt worden war. Die Belastungszeugen aber — vor allem der Kronzeuge Franciszek Olschewski gaben durch ihre Aussagen dem Prozeß eine Wendung, durch die glaubhaft gemacht werden sollte, der Jude Beniawitsch habe Adamko ermordet, als einen H a m a n fürs Purimfest, denn es sei Brauch bei den Juden, am Purimfest einen Christen zu rituellen Zwecken zu ermorden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.