Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1929)
- Article
- Das Heldenlied von der Nadel
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 172 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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172 MENORAH nichts ferner lag, als die jüdische Religion zu zerstören. Nun hatten sie die Führer, die sie brauchten, den neuen Moses, der sie aus der Knechtschaft führen sollte. Außerhalb der Werkstätten organisierten sie Vereine zu Kulturzwecken und für Propaganda. Schon im Jahre 1885 entstand der Russisch-jüdische Arbeiterverein; bald folgten der Jiddische Arbeiter-Verein, jüdische Sektionen der Sozialistischen Arbeiterpartei, die Vereinigten Jüdischen Gewerkschaften (United Bebrew Trades). Von 1886 ab gaben sie Tageszeitungen und Wochenschriften in jiddischer Sprache heraus. Mehrere der Intellektuellen, die sich damals am Anfang die Sporen verdienten, haben später in der amerikanisch-jüdischen Arbeiterbewegung einen bedeutenden Rang eingenommen. Wohl die bekanntesten sind Abraham Cahan und Morris Hillquist. Aber die größten Erfolge waren ihnen bei der Arbeit innerhalb der Werkstätten beschieden, wo es ihnen gelang, das uneingeschränkte Vertrauen der verstörten Arbeiter zu erringen und sich zu unbestrittenen Führern aufzuschwingen, nachdem sie einmal die anfängliche argwöhnische Gegnerschaft überwunden hatten. Was draußen theoretisch gepredigt wurde, das setzten sie hier in die Tat um. Sie waren es, die den dunklen Gefühlen der Arbeiter Ausdruck verliehen, die für die Wünsche der Arbeiter kämpfend auftraten. Sie wurden die vernehmbare Stimme der Masse. Schon 1886 organisierten sie die „Anti- Schwitz-Liga". Wenn die Arbeiter Sorgen hatten, konnten sie immer auf Rat und Tat bei den Sozialisten und Anarchisten rechnen. Wenn sie streikten, stellten die Sozialisten und Anarchisten sich an ihre Spitze. Wenn die industriellen Bedingungen der Schwitzbuden unerträglich wurden, fanden die Sozialisten und Anarchisten einen gemeinsamen Ausweg, den sie den Arbeitern in gemeinverständlicher Weise klarlegten. Die impulsiven, leicht bewegten Gemüter der Juden waren den Helfern in der Not unendlich dankbar. Was machte es aus, daß noch Jahre vergehen mußten, ehe die Organisation wirklich durchgeführt war. Was machte es aus, daß manch ein Streik ergebnislos verlief. Die Massen hatten jetzt eine zielbewußte Führung — keine Niederlage, kein Mißerfolg konnte mehr niederschmetternd sein, wo immer wieder von neuem mit frischem Mut gekämpft wurde. Schloßberg, der Sekretär der Vereinigten Bekleidungsindustrie-Gewerkschaften (Amalgamated Glothing Workers) sagt treffend: „Die Sozialisten waren die einzigen, die uns beistanden. Niemand anderer kümmerte sich um uns. Wie kann man es uns zum Vorwurf machen, daß unsere Organisationen