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Menorah · 1929-03-01 · Heft 3-4 (März 1929) · p. Seite 171

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
7 (1929)
Issue
Heft 3-4 (März 1929)
Article
Das Heldenlied von der Nadel
Date
1929-03-01
Page
Seite 171 (sequence 11)
Language
German
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DAS HELDENLIED VON DER NADEL 171 Zuerst kam man dem Kameraden, der so gelehrte Reden führte, mit begreiflichem Mißtrauen entgegen. Was er vorbrachte, war etwas ganz Neues, daher mit Vorsicht zu genießen. Sozialismus, Brüderschaft, Vernichtung der Reichen, der Tyrannei in der Religion — konnte ein guter Jude solche Worte im Munde führen? Mancher fromme Arbeiter war fest überzeugt, daß die intelligenten Arbeiter christliche Missionäre seien, denen es am Ende bloß darauf ankam, sie zur Taufe zu verleiten. Aber selbst die geisttötende Arbeit in den Schwitzbuden hatte in diesen Ostjudeii nicht den eingeborenen Respekt vor dem Wissen ertöten können, und als sie die Intellektuellen in ihren Reihen näher kennen lernten, merkten sie auch, daß deren Schicksal dem ihren nicht unähnlich sei. Auch die Intellektuellen hatten im Land ihrer Sehnsucht bittere Enttäuschungen erlebt. Nur wenige unter ihnen waren als politische Flüchtlinge gekommen, die meisten waren Talmudgelehrte, die sich danach sehnten, zu studieren oder sich den schönen Künsten zu widmen, was ihnen in Europa unmöglich gemacht worden war. Auch hier aber hinderte sie ihre Armut und die Unkenntnis des Englischen, Hochschulen oder Fachschulen zu besuchen, und sie sahen sich in der Zwangslage, ihr Brot in den Schwitzbuden zu verdienen, den einzigen Stätten, die noch immer Raum für die Einwanderer hatten. Im Gegensatz zur Masse aber fanden diese Intellektuellen doch den Weg zu einer anderen Welt außerhalb der Schwitzbuden. Einige traten in die positivistischen Sekten ein, andere in die Ethische Gesellschaft. Weitaus die meisten aber fanden den Anschluß an die Deutsch sprechenden Sektionen der Sozialistischen Arbeiterpartei und die anarchistischen Gruppen unter der Führerschaft von John Most. Hier schwelgten sie in endlosen Diskussionen, aufgeregten Gesprächen, humanitärem Idealismus. Wir sehen also, die jüdischen Intellektuellen, die späteren Führer der Bewegung in der Bekleidungsindustrie, erwarben ihren Radikalismus erst in Amerika. Ursprünglich hatten sie keine anderen Gedanken im Kopfe als vage Ideen von Freiheit und Förderung ihrer persönlichen Interessen — jetzt w7aren sie durch den Broterwerb Schulter an Schulter mit den Arbeitern gedrängt und sie nahmen gern die radikale Philosophie Amerikas als die Wahrheit hin, ja, sie betrachteten sich von da ab als berufen, die industriellen Probleme ihrer neuen Umgebung zu lösen. Sie weihten sich mit größter Hingebung der Sache ihrer Brüder von der Nadel, und bald erkannten selbst die frömmsten unter den jüdischen Arbeitern, daß diesen sonderbaren Gelehrten unter ihnen

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