Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1929)
- Article
- Das Heldenlied von der Nadel
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 169 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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DAS HELDENLIED VON DER NADEL 169 noch auf dem Totenbett. Schattenmenschen waren es, in stummer Verzweiflung nähend und bügelnd, bügelnd und nähend... Der Mensch trennt sich schwer von seinen Träumen und selbst in den Zeiten der schlimmsten Not gab es noch welche, die hofften. Es war doch so leicht, Lieferant zu werden. Fünfzig Dollar konnten einem den Weg ebnen — den Weg zur Unabhängigkeit, vielleicht zum Reichtum. Freilich war auch das Los des Lieferanten, der beim Unternehmer um Arbeit bettelte, kein beneidenswertes. Aber alles war besser als das Los des Arbeiters. Überdies konnte aus dem Lieferanten ein Unternehmer werden. Es gab Menschen, die sich nicht unterkriegen ließen, die fortfuhren zu träumen; eine beträchtliche Anzahl von ihnen setzte sogar den Traum in die Tat um. Aber der Erfolg des einzelnen bedeutete nichts für die Masse. Diese Masse mußte einen Ausweg finden aus dem neuen Ägypten, in dem sie gefangen war. VV ieder war das Leben der jüdischen Masse nichts als die brennende Frage: „Wo ist der Moses, der uns aus Ägypten führt? Wir müssen einen Ausweg finden! Wir können nicht nach Osteuropa zurück. Aber das Leben hier können wir so auch nicht mehr ertragen. Wo ist der neue Moses, der uns aus Ägypten führt?" Neuigkeiten aus der nichtjüdischen Welt Amerikas fanden hie und da den Weg in die Schwitzbuden und Elendswohnungen des östlichen New York. Man hörte von Arbeitergewerkschaften, Verbänden, in denen sich die Arbeitenden zusammengeschlossen hatten, um gemeinsam dem Arbeitgeber entgegentreten zu können, um bessere Lebensbedingungen zu erkämpfen. Die Arbeiter der Bekleidungsindustrie waren offenbar nicht die einzigen, die unter der harten Faust des modernen Industrialismus seufzten. Vielleicht konnten diese Gewerkschaften auch den jüdischen Arbeitern helfen? Diese verstanden nicht recht, warum viele der anderen Arbeiter sie haßten und verachteten, ihnen bittere Vorwürfe machten, weil sie den „Standard of life" drückten, weil sie fast von der Luft lebten. Den Arbeitern der Bekleidungsindustrie schien es sonnenklar, daß sie nicht zum Vergnügen Hungerlöhne und tierische Lebensbedingungen ertrugen, daß es etwas außerhalb ihres Machtbereiches war, das ihnen diese Bedingungen aufzwang. Sie wollten ja gern gegen diese Tyrannei kämpfen. Vielleicht halfen ihnen die amerikanischen Arbeiter? Eine Zeitlang fiel es ihnen schwer, sich für die eine oder andere Gruppe unter den amerikanischen Gewerkschaften zu entschließen, IV.