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Menorah · 1929-03-01 · Heft 3-4 (März 1929) · p. Seite 168

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
7 (1929)
Issue
Heft 3-4 (März 1929)
Article
Das Heldenlied von der Nadel
Date
1929-03-01
Page
Seite 168 (sequence 8)
Language
German
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168 MENORAH gab es weniger Arbeit, wenn nicht gar Arbeitslosigkeit. Selbst in den Fabriken, wo die Kleider von A bis Z hergestellt wurden, waren die Bedingungen nicht besser als in den konkurrierenden Schwitzbuden. Nicht genug an dem, fanden die Arbeitgeber noch unzählige Mittel und Wege, den kleinen Verdienst der Arbeiter zu schmälern. Fünf Minuten zu spät kommen, fünf Minuten zu früh weggehen — und man mußte Strafe zahlen oder wurde entlassen. Jeder Arbeiter hatte eine Bestätigung für das Zubehör; ohne diese wurde ihm das Zubehör nicht ausgefolgt. Verlor er unglückseligerweise die Bestätigung, so mußte er den vollen Wert des Zubehörs bezahlen; das machte mindestens einen Dollar, manchmal aber mehr als zehn Dollar, obwohl er doch nicht das Zubehör, sondern nur die Bestätigung verloren hatte. Um eine neue Spule Zwirn zu bekommen, mußte man die leere Spule vorzeigen. Verlor man diese wertlose leere Spule, so zahlte man fünfzig Cent Strafe. Es kam vor, daß ein Arbeiter, der vierzehn Dollar die Woche verdiente, wegen einer unbedeutenden Beschädigung eines Arbeitsstückes zehn Dollar Strafe zahlen oder das Stück selbst zum Kleinhandelspreis erstehen mußte. Die verzweifelten jüdischen Arbeiter sahen bald ein, daß ein Familienvater durch eigene Arbeit die Familie nicht ernähren konnte. Daher nahmen sie noch Arbeit mit nach Hause, um zu Hause Überstunden machen zu können; Frauen und Kinder und alte Leute halfen dann mit. Die dumpfen Kleinwohnungen, die ohnedies überfüllt waren, wurden so auch noch zu Werkstätten. Das Leben bestand aus Arbeit und Plage, und man verbrachte es in düsteren, engen, schmutzigen Räumen. Und dabei verdienten Arbeiter in New York City im Jahre 1883 durchschnittlich fünfzehn Dollar die Woche, im Jahre 1885 sechs bis sieben. Frauen verdienten in einer ganzen endlosen Woche bloß drei; ganz wenige brachten es auf mehr als sechs. Eine Familie, in der sämtliche Mitglieder 14 Stunden und mehr arbeiteten, brachte es so im Durchschnitt auf fünfzehn Dollar die Woche. War man dazu ins gelobte Land gekommen? Welche Tragödien brachte die rauhe Wirklichkeit im Land ihrer Träume mit sich! Hungerlöhne, mangelhafte Ernährung, unhygienische Werkstätten und Wohnungen, endlose Arbeitszeit — all das forderte seine Opfer. Schwächliche Kinder wurden geboren. Viele von ihnen starben früh; das war vielleicht noch ein Glück, wenn das auch keine jüdische Mutter begreifen mochte. Unter den Erwachsenen gab es zahllose Herz- und Lungenkranke. In jeder Schwitzbude hörte man den charakteristischen Husten. Wenn es ans Sterben ging, nähten viele

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