Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1929)
- Article
- Das Heldenlied von der Nadel
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 166 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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166 MEN ORAH ranten ergoß sich der Großteil der Einwanderer, wenn auch jene Fabrikanten, die ihre Ware von A bis Z selbst herstellten, einen Teil absorbierten. Aber wo war das gelobte Land? Bittere Enttäuschung hatte diesen Traum längst zerrinnen lassen. Die jüdischen Massen arbeiteten schwer, vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Väter und Mütter, Söhne und Töchter, alle arbeiteten — selbst die Alten und Kranken. Das Ersparte, das man aus Europa mitgebracht hatte, verschwand. Was man hier verdient hatte, schmolz zusammen. Zeiten der Arbeitslosigkeit brachten Verzweiflung und Hunger; Zeiten, da es Arbeit gab, brachten Übermüdung und stillten den Hunger nicht. Was stimmte da nicht? Es gab doch Juden, die in Amerika Wohlstand erworben hatten. Warum gab es für die jüdische Masse nichts als Elend? Jahrelang war das Leben nichts als die eine brennende, schmerzende Frage: Warum? Denn woher sollten sie die Antwort wissen? Noch in den Achtzigerjahren, als der erste Zustrom aus dem Osten einsetzte, gab es in der Neuen Welt manch großen Einsatz, um den einzelne würfeln konnten, den sie auch gewannen. Denn hier herrschte wirklich der Geist des freien Wettbewerbs, von dem diese Ostjuden immer als einem Ideal geträumt hatten. Viele arme Jungen wurde reiche Leute. Warum nicht auch sie? Die eine wichtige Tatsache entging ihnen, es war auch nicht möglich, daß sie sie begriffen: der Siegeszug der Industrie im größten Maßstabe, der die Leidenschaft für das Geldverdienen — in diesem Lande ohn ehin schon hochentwickelt — noch nährte und lebendig erhielt, dieser Siegeszug hatte gerade begonnen, bevor noch die ostjüdischen Massen kamen, und er war im geregelten Marsch, als der Abolitionskrieg zu Ende ging. Selbstverständlich hatten diejenigen, die schon vorher auf dem Platz gewesen, die mit der ersten kleinen Einwanderung gekommen waren, die Zeit gehabt halten, Land und Leute und vor allem die Sprache kennenzulernen, weit mehr Möglichkeiten, die erste goldene Ernte einzuheimsen. Außerdem braucht eine Industrie nicht nur ein paar erfolgreiche Männer — damit diese reich werden können, müssen Massen von Arbeitern vorhanden sein. Was Wunder, daß die meisten Juden der späteren Masseneinwanderung dieses Arbeitermaterial lieferten? Da waren deutsch-jüdische Fabrikanten und Unternehmer, russisch-jüdische Lieferanten, russisch-, galizisch- und rumänischjüdische Arbeiter — und zwischen all diesen Gruppen entwickelte sich ein böser, immer anschwellender Haß. Die deutschen Juden verach-