Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1929)
- Article
- Das Heldenlied von der Nadel
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 164 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2912821-2912891-2912895-2923370--07647-2923489- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
164 MENORAH über Castle Garden in die Straßen von New York. Sie waren entschlossen, hier zu bleiben; von allem Anfang an brachten die jüdischen Einwanderer weit mehr Frauen und Kinder mit als die anderer Völker. Eine ganze Nation war unterwegs, eine bleibende Heimat zu suchen. Junge und alte Männer, Frauen und Kinder, erschreckt, verstört, bestürzt durch die Fremdartigkeit der neuen Umgebung, durch die fremden Laute ringsum, durch die spöttischen Blicke — sie alle eilten dahin, wo Menschen ihres Volkes lebten, wohin sie durch Bande der Verwandtschaft, der Freundschaft oder mindestens der Nation gelockt wurden. So drängte sich Israel, die erzwungenen Ghetti der Alten Welt fliehend, in den selbsterrichteten Ghetti der Neuen Welt zusammen. Wie tröstlich war es doch, in dieser fremden Welt die eigenen Leute zu finden. Hier konnte man mit seinesgleichen die Geschichten besprechen, die umliefen — von den früheren Einwanderern, die reich geworden waren und in der neuen Demokratie eine geachtete Stellung innehalten, wiewohl sie dem alten Glauben treu geblieben waren. Man konnte die Fortschritte der Kinder vergleichen, zusammen in ,,Schür' beten, zusammen alte Erinnerungen auskramen. Am Schabbes leuchteten die Kerzen in Delancey Street, in Hester und Allen und Eldridge — das waren die Orte, in denen die Neuankömmlinge wohnten. Am Jom-Kippur waren die Gegenden wie ausgestorben — ausgestorben, aber nicht verängstigt. Jeder Jude wird ohneweiters verstehen, warum die Einwanderer sich in den Schwitzbuden der Bekleidungsindustrie zusammendrängten, statt sich auf die Fabriken und Bergwerke und Eisenöfen des Landes zu verteilen. Wenn sie in diesen Arbeit suchten, trafen sie auf derbe „Gojim", die sie in unverständlichem Englisch anbrüllten. Bald sahen die Juden ein, daß sie dort weder auf Verständnis hoffen konnten, noch den Schabbes und die Feiertage frei bekommen würden. Im Osten New Yorks aber, ganz in der Nähe ihrer Wohnorte, gab es Lieferanten, die von Unternehmern riesige Bündel mit halbfertigen Kleidern bekamen; diese verteilten sie an Heimarbeiter. Alle Lieferanten und Unternehmer waren Juden; sie sprachen Jüdisch, sie machten sich niemals über die „Grünen" lustig, sie heiligten den Schabbes*). *) Die Autoren nehmen hier Gelegenheit, ihren Freunden in der Bekleidungsindustrie für reiche Anregung: und einer Reihe von .Schriftstellern für Tatsachenmaterial Dank zu sasen. Besonders zu nennen sind: „The Woraens Garment Workers" von L. Levine. „The New Unionism in the Needle Trade-*" von Budish und Soule, „The Clothmg Workers of Chicago", „Adjusting Immigrant to Industry" von Leiserson, „liistory of Cloth Hat, Cap and Millinery Workers" von Budish.