Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1929)
- Article
- Das Heldenlied von der Nadel
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 163 (sequence 3)
- Language
- German
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DAS HELDENLIED VON DER NADEL 163 Beamten; anderseits die Bauernschaft. Sowohl Gesetz als Gewohnheit schlössen die Juden von diesen beiden aus. Trotz allem war es ihnen gelungen, als Kleingewerbetreibende, Kaufleute, Handwerker, Geldverleiher ihr Leben zu fristen. Manchen gelang es sogar, in die akademischen Berufe einzudringen, Bankiers oder Gutsverwalter zu werden. Da kamen im Jahre 1882 die berüchtigten Maigesetze, im Jahre 1887 wurden die Juden im Ansiedlungsrayon eingepfercht. Einen Monat nach der Thronbesteigung Alexanders III. begannen die Pogroms und damit eines der furchtbarsten Kapitel in der jüdischen Geschichte. Auch in Rumänien fing gleichzeitig die Zeit der grausamsten Unterdrückung an. Kein Wunder, daß der Wunsch nach Auswanderung durch die ganze Judenheit ging, daß man überall anfing, von der Neuen Welt zu träumen. Dort drüben wollten sie finden, was die Heimat ihnen versagt hatte. Es war nichts so Außerordentliches, was sie suchten. Diese Auswanderer, die nun in Massen aus dem Osten flohen, waren keine Sozialisten, keine Anarchisten, keine Revolutionäre. Es waren fromme, arbeitsame Menschen, Handwerker, die gerne Geschäftsleute werden wollten, Geschäftsleute, die nichts verlangten, als ihren Beruf offen und ungestört ausüben zu dürfen. Diese Tausende, die in wilder Todesangst flüchteten, mit der unauslöschlichen Erinnerung an diebrennende Heimat, an die rasenden Verfolger, sie brachten einen starken Individualismus mit sich, wie er in schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen entsteht, eine unerschütterlich konservative Gesinnung, wie sie durch ihre Religion zu erklären ist, und dabei ein lebendiges Gefühl für den engen Zusammenhang untereinander, wie es die festgewurzelte Tradition in ihnen großgezogen hatte. Was sie von der Neuen Welt erhofften, war bloß dieselbe Freiheit, wie sie der Nichtjn.de hatte. Sie hofften, nicht mehr angespien zu werden, sie hofften, ihre Bethäuser überall errichten zu dürfen, sie hofften, die Kinder in die Schule schicken zu können, im Rate ihre Stimme zu haben, in Frieden zu arbeiten, vielleicht ihr gedeihliches Fortkommen zu finden. II. Bei diesem Exodus teilte kein Wunder die Wasser. Monatelange arge Strapazen mußten durchgemacht w7erden, eine viele Wochen lange Reise auf langsamen Schiffen, bevor man das gelobte Land erreichte. Ausgeschifft war man schnell. Rasch hinausgeschoben, gingen die Wanderer nach kurzer, flüchtiger Prüfung durch die Beamten quer