Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1929)
- Article
- Das Heldenlied von der Nadel
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 162 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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162 MENORAH aus den Beschreibungen einzelner individueller Erfolge auf industriellem oder akademischem Gebiete zusammenzustellen. Um wieviel bedeutungsvoller für den modernen Juden ist dies Drama der Massen in der Bekleidungsindustrie, wo eine riesige Gemeinde kämpfte und noch kämpft, um die Maschinerie in ihre Gewalt zu bekommen, von der man befürchten muß, daß sie diejenigen beherrschen könnte, denen sie dienen sollte. In der Bekleidungsindustrie der Vereinigten Staaten suchen eine Million Juden soziale Gerechtigkeit — und sie haben sie zum Teil gefunden. Könnte nicht so mancher, der in der Wildnis der modernen Kulturwelt das Licht sucht, aus diesem Drama der Nadel etwas lernen? Sicher wirft es manches Streiflicht auf bisher dunkle soziologische Vorgänge. Abgesehen von neuen Erkenntnissen aber, enthält dies Abenteuer einer riesigen Menschengruppe in einer neuen Welt eine spannende Fabel. Es ist ein Heldenlied, das noch seines Dichters harrt. Bis er kommt, mag diese Skizze andeuten, wieviel Anregung das Material enthält. Die Stunde für unser Vorhaben ist günstig, denn die Bekleidungsindustrie der Vereinigten Staaten und einige ihrer Gewerkschaften stehen vor folgenschweren Entscheidungen — manche meinen, vor dem Zusammenbruch. Wirtschaftliche Kräfte lasten schwer auf ihnen; Bruderkriege zwischen rechts und links reißen die Gruppen auseinander. Wer die Geschichte dieser Industrie kennt, kann nicht glauben, daß soviel Selbstlosigkeit, soviel Tapferkeit, soviel Tüchtigkeit plötzlich mit dem Zusammenbruch enden sollte. Aber eines ist sicher — die Unruhe allenthalben bezeichnet das Ende einer Epoche, zumindest einen Wendepunkt. Neue Menschen sind in unsere Geschichte eingetreten, neue Probleme ans Licht gekommen. Wie dem auch sein mag, was immer für neue Fragen das Heute bringt, es kann den Ruhm des Gestern nicht trüben. I. Selbst die Jüngsten unter uns wissen noch genau, welche Verzweiflung in den letzten Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts im Osten Europas die Juden überschattete. Selbst bevor die Pogroms, die Maigesetze, die Grausamkeiten Ignatiews über die Juden hereinbrachen, war das Leben schon schwer genug gewesen. In Rußland zum Beispiel gab es mehr als tausend Ausnahmsgesetze und Verordnungen, die auf die Juden bezüglich waren. Damals gab es im Osten bloß zwei Klassen unter den Nichtjuden — einerseits die Regierenden, das waren die Landaristokratie, das Militär, die Geistlichkeit und die-