Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1929)
- Article
- Das Haus Israel
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 150 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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150 MENORAH Gegenwart und irdische Zukunft, einen Gottesstaat des Volkes und der Völker kennt und herbeisehnt, stellt das in der Folge errichtete „Haus Israel" samt seiner Mystik eine himmlische, eine parapsychologische Entwicklungslehre und metaphysische Eschatologie entgegen. Gegenwart wird „unten", Zukunft wird „oben", „Kijum" als geistiger Schutz des Selbst, „Tikkum" als Aufschluß, Auswirkung und Bereicherung einer jeglichen Seele und „Jichud" als Vermählung der also ausgewirkten und befriedigten Welt mit der Gottheit sind die Stadien dieser Spannungslinie. Der horizontalen „Allia" der Prophetie gesellt sich in der Mystik als höchster Blüte im vereinsamten „Hause Israel" die „Allia" vertikaler Richtung. Das Pathos des Sichberufenfühlens, der Drang zur moralischen Eroberung und Umwandlung der irdischen Welt, und das Pathos des seelischen Wachstums, die Ekstase des Heilswerdens und der Heiligung, der Drang zur Verklärung und Gotteszuversicht — beide Einstellungen leben im „Hause Israel", erzeugen Motive und wirken Handlungen aus, und beide diese Inventionen des jüdischen Wesens sind tief verankert in der jüdischen Geschichtsgestaltung, beide dienen sie auf ihre Weise dem traditionellen Totalitätsgedanken. Immer und immer wieder sieht man sich vor die Entscheidung gestellt. Ist es denn wirklich notwendig, zwischen den zwei Formen der „Allia" zu wählen? Wie stets ist es nicht der einzelne Mensch, nicht der einzelne Jude, sondern ist es die an das letzte Dasein rührende Offenbarungsgeschichte des Volkes Israel, die die Entscheidung zu treffen pflegt. Wenn die Zeichen der Zeit nicht trügen, so liegt unsere Zukunft auf dem Wege, wo beide „Allias" zusammentreffen. Die Treue zum Totalitätsgedanken, die mit der „Berith" seit dem göttlichen Bundesgedanken anhob, verlangt auch eine Lösung, wo das welthistorische Endziel und das kulturelle und mithin seelische Hochziel einander treffen und einander bestimmen und tragen. Wir vermögen uns weder von der Umwelt abzuwenden, um nach altpharisäischer Art strikte welthistorische Neutralität und Askese zu üben und so gegenüber den anderen Kulturen in ewiger Distanz zu verwahren, noch können und dürfen wir uns in Kolonisations- und Missionswerken unter den Völkern der Erde verlieren. Unsere Geschichte ist kein Zufall, unsere Treue zur Totalitätsidee ist keine Schöpfung der Willkür. Das Schicksal gibt dem „Hause Israel" auf, beide Zielsetzungen zu höherem Können emporzuspannen. Man befrage die Schechinah, den Genius des reif gewordenen Judentums, man forsche in der eigenen Seele, ob man es kann, ob man es darf, sich einem jener Wege ganz anzuvertrauen. Der