Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1929)
- Article
- Das Haus Israel
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 146 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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146 MENORAH es wuchs ein neues Recht, das tagtäglich geübt und vervollkommnet wurde, heraus. Der babylonische Talmud und mehrere der Psalmen sind Zeugen dafür. Auch von innen gesehen, weist die hebräische Geschichte eine Entwicklung auf. Das Lebensbild, die Einschätzung der es bildenden Komponenten, sind andere geworden. Im alten Israel galt noch die Vorstellung, wonach sittliche Höhe, Wohlstand, Macht und Erfolg im Leben einander korrespondierten, das Gute und der Lebenserfolg hätten einander zu bedingen. Der rechtschaffene Mann hatte allen Grund, auf Wohlergehen seine Hoffnung zu setzen. Es herrschte im Grunde dieselbe Auffassung, wie sie in Hellas durch den Ausdruck der „Kalokagathie" wiedergegeben wird. Bereits in der levitischen Religionspädagogik wird es aber schon schwer, den Glauben an jene Kalokagathie aufrechtzuerhalten. Auf den Plan treten die Elenden und Bedrückten. Den Armen, Witwen und Waisen ist ja denn auch ein beträchtlicher Teil levitischer Ethik gewidmet. Den Elenden wurden selbst Rechte vor Gott verliehen. Des Wohlstandes und der Macht beraubt, durfte trotz alledem der also Bedrückte Anspruch auf Glück erheben. Freilich blieb dabei der Grundsatz der moralischen Kausalität zu Recht bestehen: Unheil und Unglück deuten nach der Auffassung jener Zeit auf Mißstände und Vergehen hin. Keiner leidet umsonst, ohne Grund. Nur ist es möglich, sogar wahrscheinlich, daß der bedrückte, aber rechtschaffene Mann für fremde Sünden zu büßen hat. War doch jeder in Israel der Idee der Gesamthaftung unterstellt. Nach dem Zusammenbruch, während der Epoche der großen Prophetie und gerade dank der Umwertung des Machtproblems durch jene erfuhr das moralische Totalitätsbild oder die hebräische „Kalokagathie** eine weitere Verschiebung zugunsten der Enterbten und Bedrückten. Die Elenden und Mißhandelten wurden selbst zum Subjekt jahwistischer Geschichte erhoben. Im ,,Ofen des Elends" soll nach dem Worte Deuterojesajas Israel geläutert und seinen Beruf, „ein auserwähltes Volk" zu sein, bekunden. Im Exil sind bereits der Arme und der Fromme beinahe Synonima. Dem Psalmisten gilt die Taube als das Symbol Israels, dem Gedemütigten steht Gott am nächsten. Nach den Ausführungen mancher Rabbinen ist jener Leidende der eigentliche Träger des „Ruach ha kodesch", ein Gut, das nach Tritojessaja dem in der Gunst Jahwes Stehenden eigen ist. So ist der alte moralische Totalitätsgedanke in die Brüche gegangen, und im Zentrum des Lebensbildes wurde der dem Elend und der Verlassenheit entströmende Schmerz aufgepflanzt. Die Psalmen der „Chassidim", der Frommen der Exil-