Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1929)
- Article
- Das Haus Israel
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 145 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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DAS HAUS ISRAEL 145 Wirken ist hier ein Tatbestand des Lebens, der beinahe mit den Sinnen zu greifen ist. Israel verwaltet eine weltgeschichtliche Erbschaft, unter deren Last es sich oft zu dem elegischen Ausruf genötigt sieht: Weh uns, daß wir Enkel sind. XI. Soweit ich zu sehen vermag, sind es stets Epochen großer außen- und innenpolitischer Auseinandersetzungen, die in der Folge eine radikale Umstellung in der Kulturverfassung eines Volkstums hervorrufen. Die Geschichte erzeugt nicht die Kultur, pflegt aber Kulturen zu zerstören oder gar Platz zu schaffen für neufundierte Kultur- und Lebenseinstellungen. Wo im historischen Vorgang der Kampf sich auf einmal um die Gesamtexistenz des Volkes oder der geschichtlich tätigen Kollektivmacht abspielt, dort wird man auf die Wahrnehmung eines neugearteten Nationalwillens gewiesen. Man tritt aus den vorgefundenen Beziehungen heraus, um für einen neuen Consensus Platz zu gewinnen. Als die Stimmen der Propheten, die ,,im Rate Jahw es standen", zu verklingen schienen und viele Völker, die sich Großmächte nannten, aus dem berühmten „Taumelbecher" Jeremias' getrunken und also zu Boden gestreckt wurden, begann im Hebräertum ein völlig neugearteier Erlebniszusammenhang sich herauszubilden. Die geschichtspolitische Hochspannung endete mit einer Absage an die übliche politische Historie. Das Zentrum des nationalen Lebens wurde dann verlegt nach innen, sowohl in die Verhältnisse der Volks- und Völkerglieder zueinander wie in die Seele des einzelnen. Der traditionelle Lebensgehalt erfuhr auch eine radikale Umwandlung. Nicht nur der Träger, der KulturstolY selbst wurde ein anderer. Im babylonischen Exil, wo das der Staatshoheit beraubte Hebräertum sich aufs neue zu sammeln und national zu befestigen suchte, wo das eigentliche Volk und Reich in ein „Haus Israel" sich wandelte und so auch die Voraussetzungen für das Werk Esras und Nehimias schuf, waren es lauter verbannte, entrechtete, mißhandelte Flüchtlinge, war es, nach dem Worte eines der Jesajas, der „Knecht Jahwes" „Ebed Jahwe" mit dem durchbohrten Knöchel, für den spontan entstehende Gemeinden, Religions- und Rechtsschulen arbeiteten. Die ,,Bne chail" und „Gibbore chail" paßten sich wie stets an die Verhältnisse des Wirtsvolks an, sie gaben sich dem Kolonisationswerk hin und wurden den Massen entfremdet. Nicht die Mächtigen an Einfluß und Besitz, sondern die Allergeringsten im Volke wurden hier zum Träger des nationalen Ethos. In ihrer Mitte erblühte denn auch eine neue Frömmigkeit, und