Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1929)
- Article
- Das Haus Israel
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 135 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2912821-2912891-2912895-2923366--07607-2923460- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DAS HAUS ISRAEL 135 und jenseitigen Seelentumes führte. Jene Menschen schufen ihre Kultur, bewerkstelligten ihr Lebensgeschäft in der Zuversicht, sich damit in der Welt als solcher, angesichts Gottes oder des schlechthinigen Weltsinnes zu befestigen und zu behaupten. Die Brücke zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen Leben und Seele, Menschenwelt und Gotteswelt war hienieden geschlagen. Die materialistische Aussichtslosigkeit, wie sie im Abendlande vielfach zum Ausdrucke gelangt, war ihnen fremd. Ob sie dabei an Gottesführung und an die göttliche Obhut, an Seelenwanderung und Seelenmetamorphosen glaubten, bleibt sich egal. Die Hauptsache ist, daß im Gefühl, im Realitätssinn das irdische Dasein auf ein Vorspiel und auf ein noch größeres wesentliches Nachspiel hinwies. Also baute und erlebte die Welt das antike Hebräertum und das antike Griechentum, die indisch-brahmanistische und die buddhistische Welt und noch früher Ägypten, Babel und Persien, ganz zu schweigen von den Menschen der sogenannten primitiven Kulturen. Das Leben besaß sowohl eine metaphysische Retro- sowie eine Perspektive. In diesem nicht zu unterschätzenden Sinne galt und gilt noch heute das schöne Wort: Ex Oriente lux! In diesem Orient der Antike nimmt nun das Judentum einen besonderen Platz ein. Und dies nicht etwa wegen seiner hohen Gedanken über Gott und Gerechtigkeit, sondern kraft seiner tatsächlichen Geschichte, die zum tätigen Organ jenes Gottes und jener Gerechtigkeit wurde. Die jüdische Geschichte schlechtweg, jene Geschichte als glücklicher, genialer Zusammenklang von Ereignissen und Schicksalen, stellt ein sinnvolles Gedicht dar, das es zu lesen, zu enträtseln gilt. Die tatsächliche Historie des Hebräertums stellt einen wirksamen Ausschnitt der Gottes- und Weltgeschichte, der Gottes- und Welt-,,Thora" dar. Der Grieche der Antike mußte über die Welt und das Leben reflektieren, mußte sich in das Getriebe des Alls hineinfühlen, um so den Kanon der Bildung und Wissenschaft zusammenzuschmieden. Seine Geschichte dagegen mit ihren Titanen- und Götterkämpfen versprach ihm keine Beute für Geist und Herz. Es mußte vielmehr jene „Geschichten" beiseite lassen, sich über sie erheben, um zu den reinen Ideen zu gelangen. Für den Hebräer dagegen dachten und waren wirksam die historischen Ereignisse selbst, die Prozesse ihres Werdens. Es galt nur, die Ereignisse in ihren Notwendigkeiten und Zusammenhängen zu erfassen, um so der „Thora", der nimmer endenwollenden „Thora" habhaft zu werden. Die Ereignisse trafen die Entscheidungen, und das Hebräertum hatte ihnen Folge zu leisten. Als Resultat ergab sich der hohe Sinn, den sie in sich bergen, als Folge wurde das „Haus Israel" errichtet, das zum