Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1929)
- Article
- Das Haus Israel
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 134 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2912821-2912891-2912895-2923366--07606-2923459- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
134 MENORAH III. Entscheiden? Darf erst eine Entscheidung über das Sein oder So- Sein des Judentums getroffen werden? In der großen Welt der Völker und Menschen sind wir diese Fragestellung gar nicht gewöhnt. Es lebt ein Engländer, ein Deutscher, ein Franzose und genug damit. Nur in der höchsten Not historischer Kämpfe werden Menschen und Völker vor die allerletzte Entscheidung gestellt: dürfen wir uns auflösen, assimilieren, untergehen? Selten löst sich ein Volk auf, das seinen nationalen Typus bereits herausgebildet hat. Immerhin stellen die Völker mit national herausgebildetem Wollen sich keineswegs bewußt die Frage: sich aufgeben oder sich behaupten? Die Ereignisse, die eine Entscheidung der Geschehnisse und Vorgänge bedeuten, die sich zu einer Entscheidung zusammenballen, zur Entscheidung drängen, vollziehen nicht selten wider Willen des einzelnen das historische Urteil. Wie anders bei den Juden, insbesondere in den Epochen der engen Beziehungen mit den übrigen Weltvölkern, zumal in unseren Zeitläuften, wo das Judentum dem räumlichen Umfange nach zum Weltjudentume ausgewachsen ist. Da heißt es ununterbrochen die Entscheidung zu treffen: Sein oder Nichtsein? Offenbar birgt das Judentum von heute ein Problem in sich, das noch nicht sichtbar genug geworden ist. Steht das Judentum gegenwärtig nicht vor Aufgaben, mit deren Lösung oder Nichtlösung die Existenz des nationalen Schicksals aufs ernsteste bedroht wird? Die Antwort auf diese Frage kann nur mit nur der Erfassung des Wesens des Judentums, seiner historisch-nationalen Gestalt selbst gegeben werden. Indem wir uns Rechenschaft darüber ablegen, was wir sind, beginnen wir auch zu verstehen, was wir vermögen oder nicht vermögen, und auch, welche Gefahr uns tödlich werden könnte. Was stellen wir denn am Ende im Chor der menschlichen Kollektiva dar, wie weit ist bereits die Bestimmung sichtbar geworden, die unserem Dasein innewohnt? IV. Die Alten, die noch die Naivität und den Mut besaßen, von dem Wohlbefinden und der Aufrichtung, der Befreiung und Erlösung der Menschenseelen zu sprechen, haben tief gesehen. Der naive ungebrochene Realitätssinn ließ sie im gesamten Gebaren der Menschen, in ihrer gesamten Kulturaktivität noch etwTas Wichtigeres wahrnehmen als lediglich das Leben, das also aufgerichtet und gesittet, „zivilisiert" wurde. Der menschliche Lebenslauf stellte nicht nur einen Selbstzweck dar; er wies zugleich auf den Weg hin, der in das Bereich eines dies-