Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1929)
- Article
- Das Haus Israel
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 133 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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DAS HAUS ISRAEL 133 mögen uns nicht ob dem Realitätshunger, der uns eigen ist, voll zu entschädigen. Das Leben des einzelnen und obendrein das Dasein eines Volkstums ist kein Zufall im Organismus der Weltgeschichte, und die Aufgaben, die von jenem gestellt worden sind, müssen auch so oder anders erfüllt werden. Ist ein Volk, mit dessen Tun und Lassen der Aufschluß der gesamten Weltkultur verbunden ist, ein Zufall, so ist diese Kultur, der Mensch selbst und sein Gott oder Sinn nicht minder ein Zufall und nicht einmal eine negative Größe. Die Sache liegt offenbar anders. Der Aufschluß und Ablauf des Einzel- und Völkerlebens ist nicht nur funktionell, sondern auch wesenhaft von Wichtigkeit, wenn wir auch diese wesenhafte Produktion nicht in vollem Maße zu erkennen vermögen. Wie im biologischen Leben der bloße Wechselstoff und das Ein- und Ausatmen bei weitem nicht das Leben selbst ausmachen, so erschöpfen die Funktionen und Auswirkungen in Geschichte und Kultur noch keineswegs jene selbst. Hinter der Variation verbirgt sich die Art und hinter der Art wirkt die Gattung. Und die Gattung von Individuen und Geschlechtern, die im Verfolge von Jahrtausenden und gegenwärtig das Hebräertum ausmacht, das Wesenhafte im Aufbau des Judengeschicks gilt es zu erfassen, sollen wir auch einmal der Aufgaben, der allgemeinen Bildungsideale habhaft werden, die von jenen gefordert werden. Wir sind der Irrealität und des illusorischen Daseins müde, und doppelt müde sind wir Hebräer es, die von Haus aus mit dem Sinn für das Wesenhafte und Reale ausgestattet sind, und die dazu in vollem Maße die Tragik erlebten, vor lauter Einfühlung, Reflexion nur funktionell als Schatten und Phänomene zu leben. Wie oft erfüllt uns mit Trauer ein Mensch, über dessen Leben wir also ein Urteil abzugeben veranlaßt sind: er habe es dazu gebracht, sein eigenstes Leben nicht zu leben. Wir ahnen dabei, daß in der Welt als solcher, angesichts des höheren Weltsinnes, hier ein nicht mehr gutzumachendes Verbrechen begangen worden ist. Die Welt, das Leben in t o t o, die durch das eigenste Dasein jenes vermehrt, bereichert, befreit werden konnte, ist es nicht. Und umsonst hat jener seinen Lebenskampf geführt. Nicht umsonst aber hat augenscheinlich Judäa geblutet, um einmal das Haus Israel aufzurichten, das zurzeit vielfach benebelt und beschattet um seine Existenz ringt. Oder Judäa samt dem Hause Israel ist ein Zufall, bloß ein Spiel der Weltgeschichte, und dann sind es in höherem Maße auch die Juden. Und es liege wirklich keine Notwendigkeit vor, die hebräische Volksbildung, die Bildung des hebräischen Volkes und die Aufrichtung seiner Bildung aufs neue ins Leben zu rufen. Wie sollen wir es entscheiden?