Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1929)
- Article
- Das Haus Israel
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 132 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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132 MEN ORAH die Verwechslung des Bildes mit der Wesenheit seihst im höchsten Falle nur äußeren sozialpolitischen Schaden anzurichten. Die Seele des Hebräers blieb standhaft und unversehrt. Mit der Ausbreitung und Vervielfältigung der Beziehungen zwischen Juden und der großen nichtjüdischen Umwelt wird der Urinstinkt des Hebräers abgeschwächt, und der Jude selbst beginnt sich mit fremden Augen anzusehen. Diese neugeartete Bewußtseinslage, die meistens der sogenannten antisemitischen Polemik entlehnt ist, ist die gefahrvollste: trifft sie doch den Kern des hebräischen Wollens und des hebräischen Fühlens, stellt sie doch den Sinn des Judengeschicks selbst in Frage. Der Einfluß jener Geisteslage läßt sich mit Händen greifen, ist selbst in der Entstehungsgeschichte der zionistischen Bewegung nicht zu verkennen. Ein Wunsch durchdrang auf einmal die gesamte Judenheit, der in dem zweideutigen Worte: ,,Wir wollen sein und leben wie die andern", seinen Ausdruck fand. Sowohl Zionismus wie Assimilation schwören auf diesen Spruch. Der Unterschied liegt nur in dem Gehalt, den man in die Lebensweise der „anderen" hineinlegt. ollen wir, können wir den „anderen" gleichen? Und dürften wir es, wenn wir es auch zu vollbringen vermöchten? Die historische Misere, in der wir seit Jahrhunderten verweilen, hat uns ja den Realitätssinn noch nicht geraubt, mit dem wir von Haus aus ausgestattet sind. Dieser läßt uns aber erkennen, daß wir wohl den anderen in der Ausübung technischer, sozialer und politischer Funktionen gleichen, mit Hinblick auf unsere historische Situation oft sogar jene übertreffen, aber im Wesen, in unserer allgemeinen Welteinstellung haben wir mit dem Wollen zu rechnen, das uns unsere Stammesgeschichte beigebracht hat, beibringen mußte. Wir dürfen in unser Geschick etwas tiefer dringen, uns mehr verstehen lernen, um die Aufgaben und Ziele zu erkennen, die wir zu erfüllen befugt und genötigt sind. Wer unter den Ursprünglichen und Stolzen wird es auf sich nehmen wollen, dem eigenen Geschick zu entfliehen, um ein fremdes Leben, also lediglich ein Scheinleben, zu führen? Die Situationen, in die wir als lebendige Menschen verschiedenartig eingestellt sind, dürfen uns nicht über uns selbst, über unsere Wesenheit täuschen. Das vielfache Buhlen mit fremden Göttern, wie es ein prophetisches Wort nennt, hat in uns wohl die elastische Fähigkeit der Einfühlung und Reflexion in hohem Maße entwickelt. Aber selbst die künstlerische Einfühlung und die philosophische Reflexion ver- II.