Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1929)
- Article
- Eine italienische Reise
- Date
- 1929-02-01
- Page
- Seite 78 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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78 MENORAH Als wir wieder auf den Platz traten, hörten wir von unserm Führer, daß die meisten Juden (in Venedig sind heute etwa 1800) nicht im Ghetto, nicht in dem alten und noch weniger in dem neuen wohnten, besonders nicht die wohlhabenden und die reichen. Mancher der Paläste, in denen einst die Dogen regierten, gehören heute den Nachkommen der „Kinder des Ghetto". Auf dem Wege zur Dampferstation (unser Führer war durch den Obulus den wir ihm unaufgefordert gaben, unser treuer Begleiter und von den berüchtigten Bettlern haben wir keine gesehen), führte er uns noch in das Parterre eines Hauses, und wir hatten Gelegenheit, eine italienische Mazzaus-Bäckerei in Betrieb zu sehen, mußten auch von der frischgebackenen Mazze schmecken und ich bat mir noch eine weitere zum Andenken aus. Sie sind etwas anderes wie unsere und wir hörten, daß in Italien großer Wert darauf gelegt wird, daß das ungesäuerte Brot für Pessach reichlich vorhanden und jeder jüdischen Familie zugänglich ist. Noch eins brachte uns zum Bewußtsein, daß wir doch im Ghetto in Venedig sind. Ueberall findet man jetzt in Italien an den Häusern das Bild Mussolinis und „Eviva Mussolini", hier aber stand an den Mauern und Scheunen — — — Eviva Purim. — — — Für die Juden war eben der Messias noch nicht gekommen, sie warteten noch auf ihn: Eviva purim. Zwei Tage später waren wir in Ferrara. Eine breite schattenlose, anscheinend neue Straße führt in die Stadt, am Ende der Straße gleichsam als ein Wahrzeichen, daß hier das alte Ferrara beginnt, erhebt sich ein mit vier Türmen versehenes Kastell von einem breiten Wassergraben umgeben, und schon sind wir in den alten Straßen, 13., 14., 15. Jahrhundert. Damals regierte hier das Haus der Este, Lucrezia Borgia, Ariost, Tizian und später Torquato Tasso, und 1477 wurde hier das erste hebräische Werk von Levi Ben Gerson gedruckt, hier war eine Stätte alten Judentums. Es war um die Mittagsstunde und die Straßen waren in ihrer ganzen Breite voller Menschen. Es wurde uns gesagt, daß hier die Landleute aus der Umgebung und die Stadtleute alle ihre Geschäfte auf offenem Markte abwickelten. Wir speisten in einem Hotel, in dem der Wirt mit großer Zuvorkommenheit uns Auskunft gab,--ob Juden hier im Ort wären — Juden nicht, aber bei der Frage nach Ebräern bekam ich die Auskunft, es wären wohl ein oder zwei Familien da. Und ein Tempio israelitico? nach einer verlegenen Pause — „es müßte wohl noch