Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1929)
- Article
- Eine italienische Reise
- Date
- 1929-02-01
- Page
- Seite 77 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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EINE ITALIENISCHE REISE 11 enthalten in Venedig; wie damals, fährt man auch heute mit der kleine!], schwarzen Barke über den Canale Grande, vorbei an den Palästen, vorbei an den Ruinen vergangener Herrlichkeit, an den Kirchen und Kapellen, den stummen und doch so beredten Zeugen einer großen Zeit. Ja die Steine reden. Als wir ausstiegen und einige hundert Schritte gewandert waren, unserem Ziele entgegen, sahen wir an der Rückseite eines der am Kanal liegenden Paläste eine Marmortafel: „Hier starb im Jahre 1883 Richard Wagner". Zu den Venezianern des 16. Jahrhunderts mit ihrem Judenhaß hätte er ausgezeichnet gepaßt. Wir fragten noch mehrmals: Ghetto vecchio? kamen jedoch dann bald auf einen öden Platz, in der Mitte ein Brunnen, an dem einige Kinder spielten; mächtige Häuser, 5, 6, 7 Stock hoch, z. T. übereinander gebaut, arme Leute-Wohnungen; die Wäsche, das Wahrzeichen italienischer Wohnviertel, hing nicht so malerisch wie in den schmalen Gäßchen aus den Fenstern. — — Das Ganze ein graues, altes Gesicht.-----Wir fanden sehr schnell einen Juden, der uns Bescheid gab; er führte uns in eins der verwitterten Häuser, durch einen scheunenartigen Flur, die morsche Treppe entlang, in den sephardischen Tempel. Durch die bunten Scheiben der kleinen Fenster über dem Gestühl drang graues Licht in den kleinen Raum; ein Gemisch von alten dunklen Hölzern, vor Alter matt blinkenden Silberkerzen und Kronen, — — ich war ganz benommen von dem bizarren, mystischen Eindruck, den dieser Raum ausströmte; nicht das einzelne kam mir zum Bewußtsein,--ich sah die alten Juden in ihren vergilbten Tallessim, mit den breiten schwarzen Streifen, die den ganzen Menschen von Kopf bis zu den Füßen einhüllten, hörte das Stimmengewirr ihrer Gebete, ihr Jammern vor dem Thron des Herrn der Heerscharen, ihr al chet schechotonu lefonecho, ich hörte sie auf ihre Brust schlagen und um Vergebung beten — — ja in diesem Hause war noch gebetet worden. Wir sahen dann noch den levantinischen Tempel und die große Schul — den deutschen Tempel, der in dem Ghetto Nuovo liegt. Dieses altehrwürdige Bauwerk, das etwa aus dem Jahre 1500 stammt, geriet aus Mangel an Mitteln so stark in Verfall, daß man im Jahre 1910 zu einer öffentlichen Sammlung seine Zuflucht nehmen mußte, um es vor dem Einsturz zu schützen. — Es ist viel einfacher ausgestattet, wie die Synagogen im alten Ghetto, entbehrt jedoch nicht einer künstlerischen Aufmachung, die leider immer mehr verfällt.