Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1929)
- Article
- Eine italienische Reise
- Date
- 1929-02-01
- Page
- 76 (sequence 1)
- Language
- German
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EINE ITALIENISCHE REISE Von S. Kirsch stein (Fortsetzung und Schluß) (jTcgen Abend kamen wir in Venedig an. Nur vor vielen, vielen Jahren, als ich nach Helgoland fuhr und gespannt darauf lauerte, die rote Insel aus dem Meer aufsteigen zu sehen, nur so gespannt» harrte ich hier, Venedig zu schauen — —- Märchenhaft schön stieg es mit tausend Lichtern aus dem Meere; — Wir gondelten ins Hotel, über schmales, gurgelndes Wasser unter kleinen Brücken hindurch, dicht zu beiden Seiten alte Häuser und altes Gemäuer, an trüb erleuchteten Plätzen vorüber. Venedig hat 185 000 Einwohner, nicht ganz so viele, wie im 15. Jahrhundert, als sie die größte, reichste und mächtigste Handelsstadt war. Von damals stammt die Markuskirche, von damals der Byzantinische Stil, die alten Mosaiken und die alten Bilder, mit ihrem Gold und ihrer Farbenpracht; der ganze Platz, fest umschlossen, ist die gute Stube eines sehr, sehr reichen Mannes, der sich aus dem Orient und Occident und aus Jahrhunderten vorher all diese Schätze zusammengetragen hat, und der geheimnisvolle Zauber der prangenden Bauten, der Brückehen, Gäßchen, Plätzchen mitten im Hausgewirr der Stadt, das alles wird die Juden des Mittelalters mächtig angezogen und Heimatgefühl in ihnen geweckt haben. Sicher saßen sie schon im 11. und 12. Jahrhundert in der Lagunenstadt, wenn nicht schon Jahrhunderte früher, waren sicher sehr reiche Kaufleute, die mit den spanischen und portugiesischen Juden, mit der Levante und dem Orient in regster Geschäftsverbindung standen, sicher wohnten sie am Canale Grande und an den Ufern des Adriatischen Meeres. — Die Abravanells, Donna Gracia und der Herzog von Naxos der in seinem Zivilstande Josef Nassi hieß und der jahrelang die politischen Verhältnisse Südosteuropas beeinflußte, werden sieher mit dem Dogen von Venedig als gleichgestellte freie Bürger verhandelt haben. Dann kamen die Zeiten, da die Kirche und ihre Machthaber den Glaubenshaß schürten, aus religiösem Eifer und aus schnöder Gewinnsucht, die Zeit der Hexenprozesse und der Judenverfolgungen und die Republik Venedig war die erste Stadt in Europa, die 1541 ein Zwangs-Ghetto schuf und die neben dem gelben Fleck unc dem Judenhut die Israeliten gleich den Aussätzigen von den übrigen Menschen durch eiserne Tore absperrte. Dieses Judenviertel aus dem 16. Jahrhundert besuchten wir am zweiten Tage unseres Auf-