Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1929)
- Article
- Mexiko - auch ein gelobtes Land
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 21 (sequence 7)
- Language
- German
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MEXIKO jüdischen Freunde Juden seien, so war es mit diesem Gefühl, es mit einem Leidensgenossen zu tun zu haben. Jenseits der Stadtgrenze, das fanden die Neuankömmlinge bald, gibt es nur einerlei Fremde — die eben den Maisfeldern fremd sind. Ein blauäugiger Angelsachse ist nicht fremder als ein städtischer Mexikaner. In manchen entlegenen Gegenden kannte man das Wort „judio" überhaupt nur als Bezeichnung für die Volksmenge in den alljährlich wiederkehrenden Passionsspielen. In anderen bezeichnet „judio" bloß Reinheit, Unverfälschtheit. Vom „judio" als Kinderschreck ist sehr wenig übrig geblieben. Eine solche Episode wurde mir von einem Einwanderer erzählt, der in einem indischen Dörfchen mit einer alten Frau ins Gespräch kam. Sie fragte ihn — eine ungewöhnliche Frage — wes Stammes er sei. ,,Ich bin ein „judio", war die Antwort. Sie griff ihm in's Haar, dann sagte sie enttäuscht und vorwurfsvoll: „Du spaßest. Wie kannst du ein judio sein, du hast doch keine Hörner?" D ie meisten der Neueinwanderer, jetzt etwa zehntausend an der Zahl, kamen nach Mexiko, als das Land den schlimmsten Tiefstand erreicht hatte. Zehn Jahre grauenhaften Bürgerkrieges hatten es verwüstet, bankrott gemacht, geistig ganz und gar erschöpft. Aber die Juden kamen aus Ländern, in denen die gleichen oder schlimmere Zustände herrschten, sie waren mit dem Leid so gut vertraut wie die Mexikaner. Die Prophezeiung von dem friedliebenden und wohlhabenden Volke sollte in Erfüllung gehen, aber es begann nicht gerade verheißungsvoll, mit Manna vom Himmel oder ähnlichen schönen Dingen. Zunächst wanderten die Neuankömmlinge mit Hausiererpacken durch die Straßen und saßen in gedrückten Gruppen auf den Parkbänken. Die Ware — kunstseidene Strümpfe und Kravatten — beschaffter sie sich von den alteingesessenen Volksgenossen. Als der Hausierer zu viele wurden, sahen die „Bodenständigen" dazu, daß sie sich auf die Vorstädte, in Provinzflecken und auf das flache Land verteilten, Sie kamen in die entlegensten indischen Dörfer, in einsame Gutshöfe und Jägerhütten. Außerhalb der Stadt gibt es keine Nachfrage für Kunstseide. Aber die vierzehn Millionen Mexikaner auf dem Lande glauben an Wunder und haben schließlich auch Bedürfnisse. Heiligenbilder und